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Aufgrund der Covid-19-Pandemie ist Nancy Frasers für dieses Jahr geplanter Aufenthalt als Benjamin Chair am HSC-Center Berlin auf das Jahr 2022 verschoben.

 

Frasers frühe Arbeiten aus den Achtzigerjahren zu den Auseinandersetzungen um Bedürfnisse und zur „Abhängigkeit vom Sozialstaat“ waren davon geprägt, den männlichen Blick und den staatlich organisierten Kapitalismus zusammen zu denken. Diese Texte verschafften ihr dauerhaft den Ruf einer außergewöhnlichen feministischen Theoretikerin. Bereits in den Neunziger- und Zweitausenderjahren erreichte die Kapitalismuskritik mit Frasers Analysen zum Übergang vom staatlich organisierten zum Finanzkapitalismus neue Höhen. Bei Fraser heißt es niemals entweder Klasse oder Status, Umverteilung oder Anerkennung, sondern immer „beides/und“, wenn sie sich mit Themen wie Missachtung, Statushierarchien, Ökologie und Sexualität auseinandersetzt. In den letzten zehn Jahren hat Nancy Fraser für die großen Fragen zu jener sozialen Formation, die wir als „Kapitalismus“ kennen, einen theoretischen Rahmen entwickelt. Dabei hat sie viele gängige Annahmen, was der Kapitalismus sei und wie man ihn kritisieren könne, in Frage gestellt.

In ihren Arbeiten stellt Nancy Fraser ein analytisches Instrumentarium bereit, um politische, soziale und wirtschaftliche Strukturen und Konflikte aufeinander zu beziehen. Ihr Ansatz zeigt, wie sich die verschiedenen historischen Regime des Kapitalismus auf institutionalisierte Unterscheidungen zwischen Wirtschaft und Politik, Produktion und sozialer Reproduktion sowie menschlicher und nichtmenschlicher Natur stützen, deren Grenzen in Reaktion auf Krisen und Umwälzungen immer wieder neu gezogen werden. Indem Fraser nachzeichnet, wie diese „Grenzkämpfe“ einen Schlüssel zum Verständnis der Widersprüche des Kapitalismus bieten, aber auch zu den vielfältigen Konflikten, die sich aus diesen Widersprüchen ergeben, ist es ihr gelungen, den Kapitalismus als institutionalisierte Gesellschaftsordnung neu zu verstehen: als eine Ordnung in der Krise.

Die Benjamin Lectures – und der dazugehörige Benjamin Chair – sind nach dem in Berlin geborenen Philosophen Walter Benjamin benannt und seinem Anspruch verpflichtet, katastrophalen historischen Tendenzen intellektuell Stand zu halten und politisch entgegen zu arbeiten. Es wird dazu jährlich ein/e profilierte Wissenschaftler_in nach Berlin eingeladen, um der breiteren Öffentlichkeit aktuelle Auseinandersetzungen mit sozialen und politischen Kernfragen zu präsentierten.

2021 wird der Sozialphilosoph Axel Honneth den Benjamin Chair innehaben.

 

 

Climates of Capital (2020)

Dass der Kapitalismus „in der Krise“ ist, ist mittlerweile fast zur Binsenweisheit geworden. Die Finanzkrise des letzten Jahrzehnts hat nachhaltig das Vertrauen erschüttert, dass sich die Verheißungen des Kapitalismus eines Tages doch noch erfüllen. Angesichts der drohenden Klimakrise und der Umweltkatastrophen, von denen zunehmend auch die Menschen in wohlhabenden Gesellschaften betroffen sind, scheint es vielmehr offenbar zu sein, dass in einem gesellschaftlichen System, das auf der erbarmungslosen Ausbeutung aller sozialen und natürlichen Ressourcen beruht, etwas grundsätzlich verkehrt ist. Doch über diese weit verbreiteten Überzeugungen hinaus stellt sich die Frage, wie sich die ökologische Krise theoretisch fundiert verstehen lässt. Ist die Klimakrise eine Krise des Kapitalismus?

Aufgrund der Covid-19 Pandemie sind die diesjährigen Vorlesungen abgesagt und Nancy Frasers Forschungsaufenthalt am HSC-Center Berlin auf 2022 verschoben.

 

 

Democracy and its Crises (2019)

2019 gab der renommierte kanadische Philosoph Charles Taylor den Auftakt des sich jährlich wiederholenden Formats. An drei aufeinander folgenden Abenden hielt Taylor Vorträge zu „Democracy and its Crises“ und beleuchtete dabei immanente Verfallsphänomene gegenwärtiger Demokratien wie politische Entfremdung, wachsende Ungleichheit, Ausgrenzung, aber auch mögliche Wege aus der Krise. Hier können Sie Videoaufnahmen der drei Vorlesungen ansehen: „Losing Faith in Democracy“ (Kommentar: Maeve Cooke, University College Dublin, Ireland), „Marketization and Polarization“ (Kommentar: Patrizia Nanz, Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung, Potsdam), und „What can be done?“ (Kommentar: Zhang Shuangli, Fudan University, China).

Nancy Fraser ist die Henry and Louise A. Loeb-Professorin für Philosophie und Politik an der New School for Social Research. Sie ist eine führende kritische Theoretikerin und sozialistische Feministin, die sich in ihren Arbeiten der letzten vierzig Jahre mit Fragen von Macht, Identität, Emanzipation, Kapital, Gerechtigkeit und Unterdrückung beschäftigt hat. Ihr besonderes Augenmerk gilt den Grenzen des Liberalismus. In einer Auseinandersetzung mit vielfältigen Positionen von Foucault bis zu Habermas und der Frankfurter Schule hat sich Fraser besonders auf strukturelle Ungerechtigkeit und deren konzeptuelle und ideologische Grundlagen konzentriert. Ihr Schwerpunkt ist die Kritik des Kapitalismus. Dabei begreift sie Kapitalismus nicht als ein Wirtschaftssystem, sondern als eine institutionalisierte Gesellschaftsordnung mit vielfältigen Weisen der Unterdrückung und Krisentendenzen.

Einige ihrer wichtigsten Arbeiten sind Umverteilung oder Anerkennung? Eine politisch-philosophische Kontroverse (ein Dialog mit Axel Honneth) und Fortunes of Feminism: from state-managed capitalism to neoliberal crisis. Zuletzt veröffentlichte sie Feminismus für die 99%. Ein Manifest mit Tithi Bhattacharya und Cinzia Arruzza und Kapitalismus: Ein Gespräch über kritische Theorie mit Rahel Jaeggi, das nun auch auf Deutsch erhältlich ist.

 

Aktuelle Interviews:

“A Feminism Aimed at Liberating All Women Must Be Anti-Capitalist”, Interview by Olimpia Malatesta (Jacobin, 02.10.2019).

“The Feminism of the 1 Percent Has Associated Our Cause With Elitism”, Interview by Rebeca Martínez (Jacobin, 21.08.2019).

 

Aktuelle Artikel:

„Why Bernie is the True Feminist Choice“, with Liza Featherstone (Jacobin, 10.02.2020).

„From Progressive Neoliberalism to Trump — and Beyond“ (American Affairs, Vol 1 No. 4, Winter 2017).

 

Aktuelle Vorlesung:

„What should Socialism mean in the 21st Century?“, Public Lecture at the New School for Social Research, 12.06.2019.

Presseanfragen werden vom Center for Humanities and Social Change koordiniert. Wenden Sie sich dazu gern an Susann Schmeißer.

Benjamin Chair 2019. Charles Taylor

Im Juni 2019 fanden am Humanities and Social Change Center Berlin an der Humboldt-Universität zu Berlin erstmals die Walter-Benjamin-Lectures statt. Der renommierte kanadische Philosoph Charles Taylor gab den Auftakt dieses sich jährlich wiederholenden Formats. An drei aufeinander folgenden Abenden hielt Taylor Vorträge zu „Democracy and its Crises“ und beleuchtete dabei immanente Verfallsphänomene gegenwärtiger Demokratien wie politische Entfremdung, wachsende Ungleichheit, Xenophobie und Ausgrenzung, aber auch mögliche Wege aus der Krise.

Charles Taylor zählt zu den bedeutendsten Denkern der Gegenwart. Allein sein Frühwerk zur lebensweltlichen Einbettung von Erkenntnis steht in den Sozialwissenschaften nachgerade für einen Paradigmenwechsel. Ausgehend von seiner einflussreichen Neu-Lektüre Hegels wandte sich Taylor anschließend einem atemberaubenden Forschungsprogramm zu: Die Widersprüche der Moderne aus deren innerer Entwicklung, aus deren Verengungen und Vereinseitigungen heraus verständlich und überschreitbar zu machen. Dieses Projekt entfaltete er in zwei monumentalen Werken, die sich der Geschichte des Selbst und der Säkularisierung widmen. In jüngerer Zeit brachte Taylor das Motiv ausgeblendeter geteilter Grundlagen – sei es an Werten, an Vorstellungswelten oder sozialen Beziehungen – mit Fortschritten und Fehlentwicklungen demokratischer Gesellschaften zusammen. In den Benjamin-Lectures mündete diese Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Krisen und Erschütterungen der Demokratie in hochaktuelle und philosophisch fundierte Situationsdeutungen.

Sie können Videoaufnahmen der Benjamin-Lectures mit Charles Taylor ansehen.

 

Benjamin Lectures