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Axel Honneth wird am 16., 17. und 18. Juni 2021 die Benjamin Lectures zu „Der arbeitende Souverän. Eine demokratische Theorie der Arbeitsteilung“ halten.

Es gehört zu den größten Mängeln fast aller Theorien der Demokratie, mit einer gewissen Hartnäckigkeit immer wieder zu vergessen, dass die meisten Mitglieder des lauthals beschworenen Souveräns stets auch arbeitende Subjekte sind. So gerne man sich auch vorstellt, die Bürgerinnen und Bürger wären vor allem damit beschäftigt, sich engagiert an politischen Auseinandersetzungen zu beteiligen, so falsch ist dies in der sozialen Realität; nahezu alle, von denen da die Rede ist, gehen tagtäglich und viele Stunden lang einer bezahlten oder unbezahlten Arbeit nach, die es ihnen aufgrund von Anstrengung und Dauer unmöglich macht, sich in die Rolle einer Teilnehmerin an der demokratischen Willensbildung auch nur hineinzuversetzen. Deshalb ist der blinde Fleck der  Demokratietheorie dasjenige, was ihrem Gegenstand stets vorausliegt und ihn doch bis in seine feinsten Kapillaren hinein durchdringt: eine soziale Arbeitsteilung, die auf dem Boden des modernen Kapitalismus entstanden ist und jedem Gesellschaftsmitglied einen Platz im Gefüge der sozialen Reproduktion zuweist, der über seine Einflussmöglichkeiten und Mitwirkungschancen am Prozess der demokratischen Willensbildung entscheidet. Diesem Zusammenhang zwischen Demokratie und sozialer Arbeitsteilung nachzugehen ist Aufgabe der Benjamin Lectures; untersucht werden soll, welcher normative Zusammenhang zwischen dem Ziel einer staatsbürgerlichen Beteiligung an der demokratischen Willensbildung und der gesellschaftlichen Arbeit besteht (I), wie es um diese Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit hingegen heute faktisch bestellt ist (II) und schließlich, welche Möglichkeiten einer Beseitigung der bestehenden Benachteiligungen von heute aus realisierbar scheinen (III).

 

Mittwoch, 16. Juni 2021
Lecture 1: Die Arbeit (in) der Demokratie

Donnerstag, 17. Juni 2021
Lecture 2, Die Wirklichkeit der gesellschaftlichen Arbeit

Freitag, 18. Juni 2021

Lecture 3: Der Kampf um die gesellschaftliche Arbeit

Axel Honneth ist einer der führenden Sozialphilosophen unserer Zeit. Sein Werk ist eng mit der Frankfurter Tradition der Kritischen Theorie verbunden und hat viel zu deren Erneuerung und fortlaufender Aktualisierung beigetragen. Sozialphilosophische Konzepte wie „Anerkennung“ und „soziale Pathologien“, die erst durch die Arbeiten Honneths für die Analyse der Gegenwart fruchtbar gemacht wurden, prägen bis heute Forschungsprogramme in aller Welt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sich in der Sozialphilosophie Honneths begriffliche Schärfe mit kongenial interpretierten Konzepten der Sozialwissenschaften und einer genauen Beobachtung gesellschaftlicher Entwicklungen zu einer kritischen Theorie der Zeit verbindet. Aus dieser kritischen Theorie der Zeit entwickelt Honneth normative Ansprüche an die Entwicklung der heutigen Gesellschaft, die das Potenzial der historisch gewordenen Institutionen ernst nehmen. Bereits während seiner Zeit als Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung beschäftigte sich eine Vielzahl der dort angesiedelten Forschungsprojekte mit den Veränderungen des Arbeitens in einem weiten Sinn, der immer auch die familiäre Arbeitsteilung miteinschloss. Eine erste Summe der Ergebnisse dieser Forschungen zog Honneth in seinem Buch Verdinglichung aus dem Jahr 2005. Dabei hob er besonders die bedrohlichen Veränderungen des sozialen Miteinanders und der Selbstverhältnisse der Arbeitenden hervor. In seinen Benjamin Lectures wird sich Honneth nun einer politischen Theorie der Arbeit zuwenden, die nach dem Potenzial und der Notwendigkeit einer Demokratisierung der Arbeitsverhältnisse fragt, aber auch grundlegend problematisiert, was wir heute unter Arbeit verstehen.

2021 wird der Sozialphilosoph Axel Honneth den Benjamin Chair innehaben.

 

Die Benjamin Lectures – und der dazugehörige Benjamin Chair – sind nach dem in Berlin geborenen Philosophen Walter Benjamin benannt und seinem Anspruch verpflichtet, katastrophalen historischen Tendenzen intellektuell Stand zu halten und politisch entgegen zu arbeiten. Es wird dazu jährlich ein/e profilierte Wissenschaftler_in nach Berlin eingeladen, um der breiteren Öffentlichkeit aktuelle Auseinandersetzungen mit sozialen und politischen Kernfragen zu präsentierten.

 

 

 

Presseanfragen werden vom Center for Humanities and Social Change koordiniert. Wenden Sie sich dazu gern an Susann Schmeißer.

Benjamin Chair 2019. Charles Taylor

Im Juni 2019 fanden am Humanities and Social Change Center Berlin an der Humboldt-Universität zu Berlin erstmals die Walter-Benjamin-Lectures statt. Der renommierte kanadische Philosoph Charles Taylor gab den Auftakt dieses sich jährlich wiederholenden Formats. An drei aufeinander folgenden Abenden hielt Taylor Vorträge zu „Democracy and its Crises“ und beleuchtete dabei immanente Verfallsphänomene gegenwärtiger Demokratien wie politische Entfremdung, wachsende Ungleichheit, Xenophobie und Ausgrenzung, aber auch mögliche Wege aus der Krise.

Charles Taylor zählt zu den bedeutendsten Denkern der Gegenwart. Allein sein Frühwerk zur lebensweltlichen Einbettung von Erkenntnis steht in den Sozialwissenschaften nachgerade für einen Paradigmenwechsel. Ausgehend von seiner einflussreichen Neu-Lektüre Hegels wandte sich Taylor anschließend einem atemberaubenden Forschungsprogramm zu: Die Widersprüche der Moderne aus deren innerer Entwicklung, aus deren Verengungen und Vereinseitigungen heraus verständlich und überschreitbar zu machen. Dieses Projekt entfaltete er in zwei monumentalen Werken, die sich der Geschichte des Selbst und der Säkularisierung widmen. In jüngerer Zeit brachte Taylor das Motiv ausgeblendeter geteilter Grundlagen – sei es an Werten, an Vorstellungswelten oder sozialen Beziehungen – mit Fortschritten und Fehlentwicklungen demokratischer Gesellschaften zusammen. In den Benjamin-Lectures mündete diese Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Krisen und Erschütterungen der Demokratie in hochaktuelle und philosophisch fundierte Situationsdeutungen.

Sie können Videoaufnahmen der Benjamin-Lectures mit Charles Taylor ansehen.

 

Benjamin Lectures