Rassismuskritik nach Hanau

Februar 18, 2021 6:30 pm - 8:30 pm
live




 

00:00:00 Einführung

00:02:52 Hanau – Zäsur oder Kontinuität des Rassismus?

00:08:50 Warum wurde in Deutschland lange nicht vom Rassimus gesprochen?

00:16:05 Was bedeutet es, wenn heute ganz offiziell von Rassismus gesprochen wird?

00:19:50 Dimensionen des Rassismus und ihre Vermittlung

00:22:50 Erfolge der Kämpfe gegen Rassismus und ihre Grenzen

00:28:23 Warum reicht es nicht über Alltagsrassismus zu sprechen?

00:31:51 Rassismus ohne Rassen in der Migrationsgesellschaft

00:33:19 „Strukturen sind etwas, das wir nicht sehen“

00:38:59 Race, Class, Gender sind verschränkt

00:44:09 Die Abwehr der Rassismusanalysen ist nicht überraschend

00:50:56 Perspektiven der Solidarisierung antirassitischer Initiativen

00:57:20 Die Multiplikation der Rassismen kann Antirassimus auch verhindern

 

 

Rassismuskritik nach Hanau

mit Vanessa E. Thompson und Serhat Karakayali (Moderation: Robin Celikates)

 

Nach dem Terroranschlag von Hanau am 19. Februar 2020 haben vor allem die in der Initiative „19. Februar“ organisierten Opferfamilien dafür gekämpft, dass es kein Zurück zu einer vermeintlichen Normalität geben darf. Hanau muss zur Zäsur werden in der deutschen Auseinandersetzung mit Rassismus – einer Zäsur, die zugleich auf das Kontinuum rassistischer Gewalt, Diskurse, Strukturen und Subjektivierungen verweist. Wir fragen, wie sich dieses Kontinuum historisch und theoretisch fassen lässt, wie sich soziale und politische Diskurse über Rassismus verändert haben und wie sie sich verändern müssen, welche theoretischen und politischen Perspektiven der Rassismuskritik hierzu produktiv beitragen können, und wie diese sich zu aktuellen Kämpfen verhalten, von #BlackLivesMatter bis zu migrantischen Bewegungen.

 

Dr. Vanessa E. Thompson ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Vergleichende Kultur und Sozialanthropologie an der Europa-Universität Viadrina (Frankfurt Oder). Ihre Forschungsschwerpunkte sind kritische Rassismus- und Migrationsforschung, Black Studies, Gender Studies, postkolonial/dekolonial-feministische Theorien und Methodologien sowie transformative Gerechtigkeit. In ihrem Postdoc-Projekt untersucht sie Racial Profiling in Europa und alternative Formen der abolitionistischen und feministisch-transformativen Gerechtigkeit.

 

Dr. Serhat Karakayali ist Soziologe und Leiter der Abteilung Migration am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM). Er forscht u.a. zu Migration, Geschichte und Gegenwart illegaler Einwanderung, Praktiken und Medien der Solidarität in der Migrationsgesellschaft und der Transformation von Integrationspolitiken. 

 

Spenden an die „Initiative 19. Februar“ unter: https://19feb-hanau.org/spenden/ 

 

 

 

Highlights aus der Diskussion





 

 

 

Kommentar zur Veranstaltung „Rassismuskritik nach Hanau“

von Charlie Ebert und Abibi Stewart

 

Perspektiven theoretischer und praktischer Rassismuskritik

 

Am 19.2.2020 wurden Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoğlu, Sedat Gürbüz, Vili Viorel Păun, Gökhan Gültekin, Mercedes Kierpacz, Ferhat Unvar, Hamza Kurtović und Said Nesar Hashemi in Hanau Kesselstadt von einem Rechtsextremisten ermordet. Angehörige, Überlebende und Freund_innen, die sich in der „Initiative 19. Februar“ organisiert haben, fordern seit diesem Tag Erinnerung, Gerechtigkeit, Aufklärung und Konsequenzen. In einer Diskussion zur „Rassismuskritik nach Hanau“ sprachen Vanessa Thompson und Serhat Karakayalı mit Robin Celikates darüber, wie in Deutschland mit Rassismus umgegangen wird und warum das Streben nach mehr Diversität und Repräsentation sowie der gegenwärtige Fokus auf Alltagsrassismus nicht ausreichen, um Rassismus zu verstehen und zu bekämpfen. Welche Ansätze für Rassismuskritik lassen sich anhand dieses einschneidenden Ereignisses – das sich zugleich in eine lange Reihe rassistischer Anschläge in Deutschland eingliedert – und den danach entstandenen Widerstandspraktiken formulieren? Was bedeutet Hanau – das Ereignis selbst, die Forderungen der Überlebenden und Angehörigen sowie ihr Widerstand – für theoretische und praktische Rassismuskritik? Welche Begriffe und Ansätze existieren, die Zustände, die den Anschlag möglich machten, zu theoretisieren?

Ein Jahr nach dem Anschlag in Hanau veröffentlichte die Initiative 19. Februar einen detaillierten Bericht über die Geschehnisse rund um und in der Tatnacht. Das dort und in Medien Geschilderte dient hier als Ausgangspunkt eines kurzen Einblicks in theoretische Ansätze zur Analyse von Rassismus in Deutschland.

 

Kritik der Polizei

Ich hatte keine Angst, sag ich dir ganz ehrlich. Die Angst kam als die Polizisten … als wir sie gesehen haben, und die uns nicht geholfen haben. Dann kam die Angst.

Piter Minnemann, Überlebender des Anschlags in Hanau, im Interview

Die Polizei in Hanau hat in der Tatnacht vom 19. Februar in vielen Momenten falsch reagiert und dabei Betroffene des Anschlags noch mehr in Gefahr gebracht, als sie es ohnehin schon waren. Nachdem der hessische Innenminister Beuth am 15. Juni 2021 bestätigt hat, dass 13 rechtsextreme Polizeibeamte der nun aufgelösten SEK-Einheit in der Tatnacht von Hanau im Einsatz waren, fordert die „Initiative 19. Februar“ mit umso mehr Nachdruck die Aufklärung des polizeilichen Fehlverhaltens in der Tatnacht – insbesondere des Versagens bei der Stellung des Täters in seinem Haus – sowie Beuths Rücktritt als Innenminister. Doch bereits in dem Bericht vom 13. Februar 2021, der auf den Aussagen der Überlebenden und Angehörigen der Opfer des Anschlags beruht, wird das Fehlverhalten von Polizei und Behörden vor, in, und nach der Tatnacht dargelegt. Vier in dem Bericht geschilderte Vorfälle sollen hier als Veranschaulichung der rassistischen Dimension dieses Fehlverhaltens dienen.

2017 – drei Jahre vor dem Attentat – wurden in unmittelbarer Nähe zum späteren Tatort Jugendliche von einem mit Sturmgewehr bewaffneten Mann bedroht und riefen die Polizei. Die Beamten nahmen die Jugendlichen zunächst nicht ernst und drohten ihnen mit einer Anzeige. Es wurde von der zuständigen Behörde nicht nachgeforscht, wer in unmittelbarer Nähe wohnt und einen Waffenschein besitzt. Ob es sich um den Täter handelte, ist bis heute unklar. In der Tatnacht selbst am 19.2.2020 wurde Said Etris Hashemi – angeschossen und schwerverletzt – zuerst von der Polizei nach dem Ausweis gefragt und dann zurechtgewiesen, als er nach Rettungskräften fragte. Ihm steckte eine Kugel im Hals. Als die Rettungskräfte schließlich kamen und kurz Panik ausbrach, weil jemand schrie, dass der Täter zurück sei, wurde Hashemi von ihnen als menschliches Schutzschild benutzt. Die Polizei ließ die Rettungskräfte zuerst nicht ins Krankenhaus fahren, obwohl Hashemis Zustand immer kritischer wurde. Piter Minnemann, ein weiterer Überlebender des Anschlags, wurde direkt nach der Tat alleine und ohne Begleitung zu Fuß zur drei Kilometer entfernten Polizeistation geschickt, um eine Aussage zu machen. Der Täter war zu diesem Zeitpunkt noch nicht gefasst. Monate später erhielten Piter Minnemann und andere Überlebende des Anschlags Anrufe von der Polizei mit sogenannten „Gefährderansprachen“, in denen ihnen geraten wurde, sich vom Vater des Attentäters fernzuhalten. Insbesondere letzteres ist bemerkenswert, auch weil es keinesfalls mit einer wohlmöglichen Überforderung in der Tatnacht erklärt werden kann: Der Vater eines bekennenden rechtsradikalen Mörders möchte die rassistische Bekenner-Website seines Sohnes wieder aktivieren, äußert sich rassistisch über die Überlebenden des Anschlags und fordert die von der Polizei beschlagnahmten Waffen seines Sohnes zurück. Diese Situation veranlasst die Polizei ist nicht etwa dazu, den Vater als potenziellen Gefährder anzusprechen und den Überlebenden Schutz anzubieten, sondern es sind die Überlebenden, die als Gefährder adressiert werden.

Diese Konstellation, die von Piter Minnemann und anderen Aktivist_innen der Initiative 19. Februar mehrfach präzise benannt worden ist, ist ein Beispiel für die Wahrnehmungsökonomie, die Vanessa Thompson in ihrer Kritik rassistischer Polizeiarbeit formuliert. Migrantische und rassifizierte Personen treten in polizeilicher Wahrnehmung primär als Gefährder_innen auf, und zwar unabhängig von faktischen Gefahrensituationen, in denen sie potenziell oder akut tödlicher Gewalt ausgesetzt sind: „Rassifizierte Subjekte werden in den institutionalisierten Wahrnehmungsökonomien polizeilicher und rechtlicher Praktiken und Diskurse nicht als Opfer gesehen, sondern stets als Täter_innen inszeniert, selbst wenn sie es waren, die die Polizei gerufen haben.“ (Thompson 2018, 208)

Die Frage, warum und wie tief verankert Rassismus in der Polizeiarbeit ist, beschäftigt polizeikritische Theoretiker_innen und Aktivist_innen nicht erst seit Hanau. Analyse und Kritik der Polizei ebenso wie anderer staatlicher Institutionen der Strafjustiz ist seit Langem Gegenstand intersektionaler, feministisch-antirassistischer Theorie. Sie baut auf der Erfahrung rassifizierter Personen auf, dass sie von der Polizei häufig nicht geschützt, sondern kriminalisiert und bedroht werden. Wie grundsätzlich diese Setzung von rassifizierten Personen als Gefährder_innen ist, zeigt sich nicht nur in Extremsituationen wie in Hanau, sondern auch in der alltäglichen Polizeiarbeit. Der Begriff „Racial Profiling“ etwa bezeichnet die „unspektakuläre Alltäglichkeit und Permanenz“ (Thompson 2018, 198) verdachtsunabhängiger Kontrollen aufgrund von Aussehen oder vermuteter Herkunft. In migrantisch geprägten Gegenden – wie etwa auch Hanau Kesselstadt – ist Racial Profiling für viele Menschen Alltag, während oftmals weiße Menschen aus der Mittelschicht in ihrem Alltag kaum Kontakt mit der Polizei haben. Begriffe wie „Racial Profiling“ ermöglichen es, die rassistische Dimension verdachtsunabhängiger Kontrollen zu problematisieren und damit auch den Blick für die Gewalt zu schärfen, die derartige Praktiken kennzeichnet. Wenn Thompson und andere Racial Profiling krisitieren, dann verstehen sie diese Praxis als Teil des institutionell verankerten, manchmal auch als strukturell bezeichneten Rassismus staatlicher Behörden – und insbesondere der Polizei. Diese Praktiken spannen ein Netz sozialer Positionierungen auf, in dem manche Menschen als schützenswert und andere als potenzielle Gefahr behandelt und als solche markiert werden.

Es sind nicht nur direkte Interaktionen mit der Polizei, die solche Markierungen hervorbringen. Reißerische mediale Darstellungen und opportunistische Auftritte von Politiker_innen inszenieren wahlweise muslimische, nordafrikanische oder Arabisch sprechende Communities, oftmals vermittelt über sogenannte „Gefahrengebiete“, als konstante Bedrohung. Die alltägliche Mystifizierung und Kriminalisierung migrantisch geprägter Orte rücken diese in das Blickfeld wahnhafter Rechtsextremist_innen – der Täter von Hanau etwa hat bewusst eine Shishabar als Anschlagsziel gewählt und diese vor der Tat sogar besucht, um sich umzusehen. Es ist diese von Thompson in der Diskussion erwähnte „Verschränkung von populärem Rassismus und Rechtsextremismus“ (Minute 05:33), welche die Tat in Hanau und das Behördenversagen vor, in und nach der Tatnacht mit ermöglicht hat. Die Aktivistin und Sozialwissenschaftlerin Bafta Sarbo hat diesen Zusammenhang besonders präzise auf den Punkt gebracht:

„Auch der Terroranschlag in Hanau lässt sich nicht denken ohne das Framing von Shishabars als gefährliche Orte krimineller Vereinigungen im Kontext der Debatte um ‚MultiKulti‘, Integration und ‚der Clandebatte‘. Die in der Konsequenz massiv zugenommenen unangekündigten Razzien und die Schikane gegen Shishabars und andere migrantische Geschäfte markierten diese als außer Kontrolle geratene Orte, auf die der Staat nur begrenzten Zugriff hat. […] Dass rechte Terroristen nun auf die Idee kommen, dass dies die Orte sind, an denen sie ansetzen, ist in diesem Kontext nicht weiter überraschend.“ (Sarbo 2020)

Begriffe wie Racial Profiling und das Aufzeigen des Zusammenhangs zwischen rassistischer Stigmatisierung von „gefährlichen Orten“ und rechtsradikalen Gewaltangriffen helfen zu verstehen, wie der Anschlag in Hanau passieren konnte, und geben Hinweise darauf, wo Analysen von Rassismus ansetzen müssen. In Deutschland wird Rassismus nach wie vor weitgehend individualisiert (Einzeltäter), psychologisiert (mental instabile Einzeltäter), moralisiert (Empörung statt Selbstreflektion) sowie in einer gesellschaftlichen Minderheit (AfD) verortet. Dabei müssten Kontinuitäten zwischen der Markierung „gefährlicher“ Orte und Menschen und tödlicher rassistischer Gewalt auch im Kontext der Debatte um Integration gesehen werden.

 

Kritik am Integrationsbegriff

Gewalt gegenüber Besucher_innen einer Shishabar – ob vonseiten der Polizei bei grundlosen Razzien oder vonseiten eines rechtsextremen Attentäters – kann nicht losgelöst deutschen Integrationsdebatten betrachtet werden. Die Forderung nach Integration gilt vielen, doch Grad und Intensität der Forderung sowie Inhalt der damit einhergehenden rassistischen Zuschreibungen sind mit ökonomischer Lage (oder zugeschriebener ökonomischer Lage) der Betroffenen verknüpft. Um die im Kontext von Hanau, Shishabars und „Clan“-Rhetorik relevanten rassistischen Zuschreibungen zu kontextualisieren, betont Serhat Karakayalı in einem Interview:

„Es trifft der Tendenz nach auch Gruppen, bei denen es den Rassisten gelingt, die soziale Lage als eine Eigenschaft der Gruppe darzustellen, beispielsweise dass sie arbeitsscheu und verbrecherisch seien. Eigenschaften also, die gesellschaftlich negativ kodiert sind. Eine ‚Parallelgesellschaft‘ zu bilden zum Beispiel ist an sich nicht problematisch. Das könnte man auch von der japanischen Gemeinschaft in Düsseldorf sagen, aber Rassismus hat immer ein klassistisches Element: Er trifft Gruppen, die ökonomisch benachteiligt sind und als nicht leistungsfähig gelten. […] Beim antimuslimischen Rassismus geht es nie um theologische Fragen, sondern darum, dass die Lebensweise muslimischer Menschen als rückständig und nicht leistungsfähig gilt.“ (Karakayalı 2020)

Insofern sind die Analysekategorien Rassifizierung und Klasse (die derzeit in Feuilleton-Debatten um „Identitätspolitik“ gerne gegeneinander ausgespielt werden) für Karakayalı nicht getrennt voneinander zu betrachten. Klassenverhältnisse werden rassifiziert artikuliert, indem die soziale Lage von Gruppen (wie etwa Gastarbeiter_innen und ihre Nachfahren) als deren naturalisierte oder kulturalisierte Eigenschaft dargestellt wird. Diese Naturalisierung wiederum begründet und rechtfertigt Stigmatisierung und herablassende, moralisierende Diskurse wie den um Integration. Die Geschichte deutscher Einwanderungspolitik und migrantischer Arbeitskämpfe – die hier nicht weiter ausgeführt, aber z. B. bei Manuela Bojadžijev und Serhat Karakayalı nachgelesen werden kann – verdeutlicht, dass sich solche rassistischen Diskurse mit der ökonomischer Situation von Migrant_innen und ihren politischen Kämpfen gewandelt haben: War z. B. die Stereotypisierung von Gastarbeiter_innen in den fünfziger und sechziger Jahren eher paternalistisch und exotisierend, wurde sie in den siebziger Jahren mit dem Anwerbestopp und der Neustrukturierung des Arbeitsmarktes sowie lauter werdenden Streiks und Protesten migrantischer Arbeiter_innen zunehmend aggressiver und ausschließend (Bojadžijev 2012, 229).

Insofern ist das Integrationsdispositiv, wie Bojadžijev es nennt, historisch mitunter als Reaktion auf politische Forderungen zu verstehen, die Migrant_innen im Laufe der Zeit formuliert haben: Ursprünglich kollektive Ansprüche migrantischer Arbeitskämpfe wurden „im Imperativ der Integration zum Stillstand gebracht“ (ebd., 229) und hin zu „individuellen Anpassungsleistungen der Migrantinnen und Migranten“ verschoben (ebd., 244). Als politische Akteure mit politischen Forderungen, so Bojadžijev, können Migrant_innen „über den Begriff der Integration und sein theoretisches Pendant der Exklusion“ nicht gefasst werden. Sie werden vielmehr „als eine Masse konzipiert, die zu disziplinieren und verwalten ist“ (Bojadžijev 2002, 294).

Die Aufforderung zur Integration konstruiert somit die ökonomische und soziale Marginalisierung rassifizierter Gruppen als deren Eigenverantwortung: Wer sich aktiv anpasst und hart arbeitet, könne die eigene Marginalisierung überwinden. Selbst vor Opfern eines rechtsterroristischen Anschlags macht die damit zwangsläufig einhergehende Kategorisierung in „gute Ausländer – schlechte Ausländer“ nicht halt. Die Worte des Hanauer Bürgermeisters Claus Kaminsky über die Opfer des Anschlags: „Sie waren keine Fremden“, sind berühmt geworden. Weniger bekannt ist sein Satz: „Es hat Menschen getroffen, die erfolgreich integriert worden sind.“

 

Konsequenzen für die Rassismusforschung und -kritik

Die oben grob umrissene Kritik der Polizei und des Integrationsbegriffs verdeutlichen: Rassismus ist kein „Gift“, das von AfD-Wähler_innen, ein paar rechtsextremen Polizeibeamt_innen und Thilo Sarrazin verspritzt wird, und eine Kritik, die sich auf Alltagsrassismus beschränkt und hartnäckig am Einzelfall- beziehungsweise Einzeltäternarrativ klammert, wird Rassismus weder verstehen noch wirkungsvoll bekämpfen können. Die andauernde Objektifizierung von Personen als zu kontrollierende, einzuhegende, abstrakte Gefahr – für Nation, Wirtschaft, Staat und Sicherheit – legt eine Beschreibung von Rassismus als strukturell nahe, die für Akteur_innen in antirassistischen Bewegungen auf der Hand liegt, zugleich jedoch ein theoretisch voraussetzungsreiches Unterfangen ist, das an deutschen Universitäten (noch) keine Tradition hat. Auch Thompson und Karakayalı waren sich in der Diskussion einig, dass es in Deutschland an empirischen Daten und theoretischer Auseinandersetzung mit strukturellem Rassismus mangelt und es daher weiterer Forschung bedarf, um zu zeigen, was genau mit „strukturell“ gemeint ist.

Karakayalı forderte u. a. neue Forschungsdesigns innerhalb der Sozialwissenschaften, die über die Beobachtung institutioneller Diskriminierung (wie etwa die Erforschung von Implicit Bias auf dem Wohnungs- oder Arbeitsmarkt) hinausgehen, um sichtbar zu machen, was heuristisch mit dem Begriff der Struktur bezeichnet wird. Thompson untersucht historische Kontinuitäten und emanzipatorische Potenziale vor allem aus der Perspektive der abolitionistischen Polizeikritik und der intersektional-feministischen Anti-Gewalt-Arbeit. Beide Forschenden plädierten dafür, nicht nur die Funktionsweisen von Rassismen in ihrem jeweiligen Kontext zu untersuchen, sondern sie zueinander ins Verhältnis zu setzen, interdisziplinär zu arbeiten und Begriffe zu entwickeln, die antirassistische Forschung und soziale Bewegungen unterstützen.

Antirassismus darf für Thompson und Karakayalı nicht bei „reformistischen Glücksversprechen auf Inklusion und Gleichbehandlung“ (Karakayalı und Tsianos 2002, 264) stehenbleiben, auf das beispielsweise das Streben nach mehr Diversity in Führungspositionen abzielt. Dieses läuft letztlich auf dieselben Forderungen nach individueller Anpassung und Leistung hinaus, welche mit dem oben beschriebenen, moralisierenden Integrationsbegriff einhergehen. Stattdessen müssen – wie beide in der Diskussion betont haben – konkrete Institutionen und politisch-ökonomische Prozesse in den Blick genommen werden, in deren Rahmen sich die rassistische Differenzierung zwischen Bevölkerungsgruppen zeigt. Strukturelle Verankerungen gesellschaftlicher Mechanismen der Rassifizierung müssen dementsprechend auch in ihrer historischen Dimension und ihrer Verbindung zur kapitalistischen Ökonomie untersucht werden. Laut Thompson ist etwa das „produktiv-machen von Körpern für die kapitalistische Ausbeutung“ (Minute 5:56) die historische Funktion sowohl von Polizei als auch von Rassismus.

Ansatzpunkte für eine solche tiefer ansetzende Rassismuskritik liefern die bereits vorhandenen sozialwissenschaftlichen und -philosophischen Auseinandersetzungen mit Rassismus, für die in Deutschland bereits in den achtziger und neunziger Jahren die Weichen gestellt wurden. Manuela Bojadžijev, die bei der Diskussion mit Thompson und Karakayalı im Publikum anwesend war und mit einer Frage auf mögliche Anknüpfungspunkte zu bereits geführten Forschungsdebatten zu Rassismus hinwies, fordert auch in ihrem Text „Konjunkturen der Rassismustheorie in Deutschland“ (2015) dazu auf, sich heute mehr auf die vorhandenen Ressourcen zu beziehen. Sie erwähnt in diesem Text die in den neunziger Jahren insbesondere von Alex Demirović vorangetriebene Verbindung zwischen kritischer Theorie und Poststrukturalismus (Ideologiekritik und Ideologietheorie), die es erlaubt, „stärker sozial dynamische Kategorien für Prozesse der Rassizifierung herauszuarbeiten – mithin soziale Auseinandersetzungen statt eine herrschaftsfunktional gedacht Unterwerfung in den Vordergrund zu rücken“ (Bojadžijev 2015, 59). Solche Ansätze (wie auch Bojadžijevs eigene Forschung in Die windige Internationale, 2012) machen „Widerstand gegen Rassismus zur Grundlage der Analyse“ (Bojadžijev 2015, 59) und bauen so auf einer radikalen Ablehnung der Objektifizierung auf, die in rassistischen Polizeipraktiken und in der Integrationspolitik stattfindet, da von migrantischen und rassifizierten Gruppen als politischen Akteur_innen ausgegangen wird.

Eine solche von Kämpfen ausgehende Perspektive nimmt auch der Abolitionismus ein, der die Abschaffung von Gefängnissen, Polizei und anderen Formen der staatlichen Gewalt und damit den Übergang in eine andere Gesellschaft fordert. Als negativer Ausgangspunkt eröffnet die Ablehnung staatlicher, repressiver Institutionen den Blick auf praktische und theoretische Alternativen. Wie müsste die Gesellschaft etwa für soziale Probleme Sorge tragen, um diese nicht auf die Polizei abzuwälzen? Auch die Forderungen nach der Abschaffung der Lagerunterbringung für Geflüchtete, die u. a. von selbstorganisierten Gruppen wie „Women in Exile“ formuliert werden, sind zugleich Forderungen nach Teilhabe, würdevollem Leben und Selbstbestimmung von Geflüchteten. Abolitionistische Bewegungen werfen in ihren Forderungen und Praktiken Fragen danach auf, warum Polizei, Gefängnisse und Flüchtlingslager überhaupt notwendig erscheinen. Kritik an rassistischen Strukturen ist dieser Form des Widerstands, die die Abschaffung repressiver, staatlicher Institutionen fordert, inhärent, und wird von intersektional denkenden Philosoph_innen wie Vanessa Thompson zum Ausgangspunkt antirassistischer Theorie gemacht.

Auch die politische Arbeit der „Initiative 19. Februar“ kann auf diese Weise als Ausgangspunkt genommen werden. Die Aufarbeitung der Umstände, die die Tat in Hanau ermöglicht haben, aber auch das nachhaltige Schaffen von Räumen des Widerstands sind Quellen antirassistischer Theoriebildung, die einer „Rassismuskritik nach Hanau“ als Orientierung dienen sollten.

 

Bibliographie:

Bojadžijev, Manuela (2002): „Deutsche und ausländische Arbeiter: Ein Gegner – ein Kampf?“ Antirassistische Kämpfe – Methodische Frage, historische Entwicklungen. In: Demirović, Alex/Bojadžijev, Manuela: Konjunkturen des Rassismus. Münster: Westfälisches Dampfboot.

Bojadžijev, Manuela (2012): Die windige Internationale: Rassismus und Kämpfe der Migration. Münster: Westfälisches Dampfboot (1. Auflage 2008).

Bojadžijev, Manuela (2015): Zur Entwicklung kritischer Rassismustheorie in Deutschland seit den 1980er Jahren. In: Dirk Martin, Susanne Martin und Jens Wissel (Hg.): Perspektiven und Konstellationen kritischer Theorie. Münster: Westfälisches Dampfboot, 49–71.

Initiative 19. Februar, 2021: Ein Jahr nach dem 19. Februar in Hanau. Die Kette behördlichen Versagens vor dem rassistischen Terroranschlag, in der Tatnacht und in den Monaten danach. Online unter: https://19feb-hanau.org/wp-content/uploads/2021/02/Kette-des-Versagens-17-02-2021.pdf

Karakayalı, Serhat (2020): „Wir beobachten einen neuen Kampf“ https://www.fluter.de/antirassismus-nach-terror-hanau

Karakayalı, Serhat/Tsianos, Vassilis (2002): Migrationsregimes in der Bundesrepublik Deutschland. Zum Verhältnis von Staatlichkeit und Rasssmus. In: Demirović, Alex/Bojadžijev, Manuela (2002): Konjunkturen des Rassismus. Münster: Westfälisches Dampfboot.

Thompson, Vanessa E. (2018): „There is no justice, there is just us!“ – Ansätze zu einer postkolonial-feministischen Kritik der Polizei am Beispiel von Racial Profiling. In: Loick, Danial (Hg.) Kritik der Polizei. Frankfurt am Main: Campus Verlag.

Sarbo, Bafta (2020): Wie polizeiliches Racial Profiling Rassismus anheizt. Online unter: https://www.akweb.de/ausgaben/658/wie-polizeiliches-racial-profiling-rassismus-anheizt/