Jacob Blumenfeld, Rabea Berfelde, Solveig Degen

11 Thesen zur Planung

Die elf hier zusammengestellten Thesen sind aus Diskussionen während der Konferenz „The Grounds of Planning: Rationality, Pseudorationality and Critique“ (Dezember 2025) hervorgegangen.

21 April 2026

1. Planung für die Zukunft

Das Verbot, konkret über die Zukunft nachzudenken, ist hinfällig geworden. Ein ökologisches und demokratisches Konzept der Planung jenseits des Kapitalismus ist jetzt für das Überleben des Planeten notwendig.

Je instabiler die Gegenwart wird, desto notwendiger ist es, für die Zukunft zu planen. Während einige Formen der Planung wieder diskutiert werden, wie Planungen für den Kriegsfall, industriepolitische oder Stadtplanung, wird eine Form der Planung weiterhin mit Argwohn betrachtet: die Wirtschaftsplanung. Frühe kritische Theoretiker:innen versuchten in Anlehnung an Marx, die materiellen Bedingungen für die Vergesellschaftung der Wirtschaft empirisch zu untersuchen. Doch als die Hoffnung auf eine Zukunft jenseits des Kapitalismus im Schatten des Faschismus und des Versagens des Sozialismus im 20. Jahrhundert schwand, wurden solche Untersuchungen weitgehend aufgegeben. Konkret über die Zukunft zu sprechen, wurde suspekt, und Konzepte für eine postkapitalistische Planung wurden stillschweigend ad acta gelegt.

Das Verbot, über die Zukunft nachzudenken, ist unhaltbar geworden. Die Wirtschaft für Ziele abseits privater Gewinne zu planen, ist nicht nur möglich, sondern die einzige Perspektive für das Überleben des Planeten. Angesichts der Verwüstungen durch blinde Akkumulation ist eine Art koordinierter Wirtschaftsplanung – was (und was nicht) produziert werden soll, wie, wieviel, warum, wo und für wen – unverzichtbar, um die Bedürfnisse der Menschheit zu befriedigen und das Gedeihen der Ökosysteme in einer immer chaotischeren Welt zu gewährleisten.

Doch nicht jedes Planen vollzieht sich auf die gleiche Weise. Manche Formen der Planung bewahren den Status quo, während andere auf Veränderung zielen. Manche zementieren Herrschaft, andere ermöglichen Befreiung. Die Varianten demokratisch-ökonomischer und sozial-ökologischer Planungen sind echte Alternativen zur kapitalistischen Planung. Eine wahrhaft selbstreflexive Form der Planung lernt aus den Erfahrungen kapitalistischer und sozialistischer Planung, um eine emanzipatorische Form des Planens jenseits des Kapitalismus zu entwickeln, das der Gegenwart angemessen ist.

Aktuelle Debatten zur Planung stehen in einer langen historischen Tradition und sind untrennbar mit Diskussionen über Wissen, Werte und Koordination verbunden: von der Debatte über die Sozialistische Wirtschaftsrechnung zwischen Otto Neurath, Ludwig von Mises, Oskar Lange und Friedrich Hayek bis hin zu zeitgenössischen Kontroversen über ökologische Grenzen und algorithmische Governance. Planung wurde als bewusste Organisation des Wirtschaftslebens verteidigt und als erkenntnistheoretische Hybris angeprangert. Sie wird als Vehikel demokratischer Willensbildung gefeiert und als Vorläufer technokratischer Herrschaft gefürchtet. Doch was genau bedeutet es, eine Wirtschaft zu planen? Ist das rational möglich, und was bedeutet „rational“in diesem Zusammenhang? Inwiefern unterscheidet sich ein emanzipatorisches Planungsverständnis von der Wirtschaftsplanung, die es im heutigen Kapitalismus bereits gibt?

2. Algorithmisches Planen

Hochentwickelte computergestützte Verfahren können demokratisches Planen in klar definierten Bereichen unterstützen. Sie können jedoch politisches Urteilsvermögen nicht ersetzen.

Die jüngsten technologischen Entwicklungen haben die Frage wieder aufleben lassen, ob hochentwickelte computergestützte Verfahren die traditionellen Probleme der sozialistischen Wirtschaftsplanung überwinden können. Befürworter einer algorithmischen Koordination argumentieren, dass groß angelegte Datenerfassung, maschinelles Lernen und kybernetische Rückkopplungssysteme riesige Mengen an Informationen über Produktion, Konsum und Ressourcenflüsse verarbeiten könnten, wodurch eine komplexe wirtschaftliche Koordination technisch möglich und demokratisch steuerbar würde. Damit könne die Koordinationsfunktion, die traditionell den Märkten zugeschrieben wird (die Abstimmung von Angebot und Nachfrage durch Preissignale), zunehmend von Rechensystemen übernommen werden, die in der Lage sind, wirtschaftliche Prozesse in Echtzeit mithilfe statistischer und kybernetischer Rückkopplungstechnologien zu modellieren. Algorithmisches Planen würde es ermöglichen, Engpässe vorherzusehen, die Logistik zu optimieren und Ressourcen effizienter als durch dezentrale Marktmechanismen zu verteilen.

Kybernetik ist die Wissenschaft von der Selbstregulierung komplexer Systemen und ihrer Rückkopplungsmechanismen. Ihr Ziel ist es, Komplexität zu reduzieren und Effizienz zu steigern, indem Entscheidungen automatisiert und praktische Abwägungen umgeht. Zwar ist an Automatisierung und Effizienz an sich nichts auszusetzen, doch stehen sie ohne Frage mit einer demokratischen Entscheidungsfindung in Spannung. Zukünftige Diskussionen sollten sich nicht allgemein um kybernetische versus nicht-kybernetische Entscheidungsfindung drehen, sondern darum, wann automatisierte Entscheidungsfindung angemessen ist und wann eine Vertiefung der demokratischen Deliberation erforderlich ist.

Automatisierung kann in Bereichen äußerst nützlich sein, in denen Ziele klar definiert und schnelle Reaktionen auf sich ändernde Informationen erforderlich sind – zum Beispiel im Energienetzmanagement, in der Transportlogistik oder bei der Überwachung von Materialflüssen. Doch nicht jede Interaktion innerhalb einer komplexen Wirtschaft kann oder sollte vollständig berechenbar gemacht werden. Es gibt sowohl auf der Ebene der Physik als auch bei den Daten Grenzen der Berechnung: Nicht alle Präferenzen, Eventualitäten und lokalen Bedingungen lassen sich lückenlos formalisieren. Der Versuch, jeden Austausch vorab zu modellieren, birgt die Gefahr epistemischer Selbstüberschätzung und institutioneller Unflexibilität. Bestimmte Formen der Interaktion – zwischen Einzelpersonen, unter kleinen Unternehmen, innerhalb lokaler Netzwerke – können ungeplant bleiben oder durch direkten Austausch, informelle Koordination oder kleinräumige Märkte erfolgen. Demokratische Planung muss nicht jede Mikroentscheidung in eine umfassende Buchhaltung einbeziehen.

Gleichzeitig können bestehende technische Infrastrukturen, beispielsweise die Systeme künstlicher Intelligenz, nicht einfach für emanzipatorische Zwecke umfunktioniert werden. Heutige Systeme maschinellen Lernens werden auf Datensätzen trainiert, die innerhalb kapitalistischer Ökonomien generiert und nach den Logiken von Rentabilität, Überwachung und Wettbewerbsvorteil optimiert wurden. Ihre Architekturen enthalten Annahmen zur Effizienz, Optimierung und erwartbarem Verhalten, die diese Ursprünge widerspiegeln. Ein demokratisches Planungsprojekt könnte solche Systeme nicht einfach nur anders nutzen. Es müsste sie sich aneignen und neu konfigurieren – Datensätze neu aufbauen, Zielfunktionen neu gestalten und die Modellkonstruktion öffentlicher Aufsicht unterstellen. Die Frage nach Planung und KI ist daher nicht einfach nur technischer, sondern institutioneller und politischer Natur: Wer entwirft die Systeme, welche Werte sind in ihren Optimierungskriterien verankert, und inwiefern bleibt ihre Funktionsweise hinterfragbar?

3. Ohne Modelle

Modelle postkapitalistischer Ökonomien sind unverzichtbar, aber sie reichen nicht aus. Planen lässt sich nicht vollständig modellieren. Es erfordert Selbstreflexivität, die politische Aushandlung von Zielen und sinnliche menschliche Praxis.

Der Hauptmangel aller bisherigen Planung ist, dass die Ökonomie nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefasst wird; nicht aber als sinnliche menschliche Tätigkeit, Praxis; nicht subjektiv. Die neue Debatte über Wirtschaftsplanung seit den 1990er Jahren wurde größtenteils von sozialistischen Ökonomen geführt, die Modelle postkapitalistischer Ökonomien unter Verwendung digitaler Technologien, ökologischer Erkenntnisse und großer Datensätze entwarfen, um Probleme der wirtschaftlichen Koordination und der ökologischen Bilanzierung anzugehen, die zuvor unüberwindbar schienen. Diese Modelle untersuchen verschiedene Kombinationen von Beteiligung und Repräsentation, zentralisierter und dezentraler Organisation sowie politische und technische Instrumente. Daraus entwickelte sich eine ganze Bandbreite an Optionen, wie jenseits des Kapitalismus geplant werden kann, ohne in Bürokratie, Autoritarismus, Stagnation oder gar einen Zustand des Zusammenbruchs zu verfallen.

Modellbildung ist jedoch nicht die einzige Möglichkeit, über Planung nachzudenken. Obwohl Modelle unglaublich hilfreiche Werkzeuge sind, um ausgehend von der Gegenwart Zukunftsszenarien zu entwerfen, können sie das Nachdenken über die Zukunft auch behindern, wenn man sich zu stark an ihnen orientiert. Wenn  Modellierungen darauf zielten zu zeigen, dass eine postkapitalistische Wirtschaft nicht nur vorstellbar, sondern auch realisierbar ist, dann wären sie als Beispiele für konkrete Entwürfe einer sozialisierten Wirtschaft möglicherweise notwendig. Doch die Entwicklung der Grundlagen einer Planung erfordert mehr als nur Beispiele. Sie braucht sowohl die Kritik an der Gegenwart als auch die Kritik an Modellen als Lösungen für das schwierige Problem der Planung: die Politisierung der Ökonomie.

Neue Planungsinstrumente – wie Materialflussanalysen, groß angelegte Datensätze und Wirtschaftsprognosen – können Entscheidungen über mögliche Zukunftsszenarien untermauern, aber sie können nicht bestimmen, welche Zukunftsszenarien erstrebenswert sind. Aus diesem Grund muss eine kritische Selbstreflexion über Werte und Ziele sowie über institutionelle Gestaltung und politische Konflikte in die Planung des Planens selbst eingebaut werden.

Darüber hinaus droht jede Planung, die nicht die Trennung der Sphären von Produktion und Reproduktion infragestellt, die Ideologie davon, was als Arbeit gilt und was nicht, zu reproduzieren. Planung kann sich nicht nur auf Modelle stützen, um wirtschaftliche Zukunftsszenarien objektiv abzubilden, sondern muss auch subjektiv als sinnliche menschliche Aktivität betrachtet werden, als Praxis, die in gesellschaftliche Institutionen und die natürliche Umwelt eingebettet ist. In diesem Sinne sind Fragen der Motivation, des Geistes, der Bedürfnisse, des Widerspruchs und des Wandels ebenso wichtig wie Fragen von Angebot und Nachfrage, Märkten und Preisen, Kalkulation und Innovation. Es liegt auf der Hand, dass das gesellschaftliche Mehrprodukt reinvestiert werden muss, um kollektive Bedürfnisse zu befriedigen und zukünftige Entwicklung zu ermöglichen. Doch gibt es nicht nur einen Weg, dies zu tun, der auf der Hand läge. Darin besteht das Glück, kollektiv Zukunftspläne zu entwerfen.

4. Wissen, Rationalität, Planung

Jede Planung, die ihre eigenen epistemischen Grenzen ignoriert, ist pseudorational. Rationale Planung verläuft experimentell. Sie behandelt Unsicherheit als politische Gegebenheit für alle, organisiert Institutionen des Lernens und der Selbstkorrektur und bleibt stets offen für Revisionen.

Debatten über Wirtschaftsplanung stellten sich oft als Streitigkeiten über das verfügbare Wissen und die Grenzen der Vernunft dar. Was können wir wissen? Und wie sollen wir handeln, wenn wir nicht genug wissen? So zu handeln, als ob wir vollständiges Wissen besäßen, obwohl dies nicht der Fall ist, ist der Gipfel dessen, was Neurath als Pseudorationalismus bezeichnete. Jede Planung, die ihre eigenen epistemischen Grenzen ignoriert, läuft Gefahr, in diesem Sinne pseudorational zu werden.

Eine der zentralen Schwierigkeiten des Planens besteht darin, dass viele ökonomische Entscheidungen nicht eine einzige Lösung haben, die optimal wäre. Angesichts vielfältiger Möglichkeiten zur Verteilung von Arbeitskräften, Ressourcen und Produktionskapazitäten gibt es möglicherweise keine eindeutige rationale Antwort, die durch mehr Daten oder Berechnungen ermittelt werden könnte. Stattdessen beinhalten Entscheidungen Abwägungen zwischen verschiedenen Kriterien: ökologischer Nachhaltigkeit, Selbstbestimmung, Effizienz, Gesundheit, Freizeit, Gleichheit und vielen andere mehr. Diese Werte lassen sich in vielen Fällen nicht auf eine einzige Kennzahl reduzieren. Planung kann daher nicht einfach Ergebnisse optimieren. Sie muss Konflikte zwischen nicht vergleichbaren Werten und unterschiedlichen Zielen offen angehen. Rationalität besteht in solchen Kontexten nicht darin, perfekte Lösungen zu finden, sondern eindeutig schlechtere Optionen auszuschließen und unter Unsicherheit kollektiv gerechtfertigte Entscheidungen zu treffen.

Wenn genügend Daten verfügbar wären, so wird manchmal angenommen, könnten Entscheidungen vollkommen rational sein. Sowohl Neurath als auch Hayek stellten diese Annahme auf unterschiedliche Weise in Frage. Hayek argumentierte, dass das für die Koordinierung wirtschaftlicher Aktivitäten erforderliche Wissen über die gesamte Gesellschaft verteilt und in den alltäglichen Praktiken von Millionen von Individuen verankert sei. Keine zentrale Behörde könnte diese Informationen jemals vollständig erfassen oder verarbeiten. Märkte fungieren seiner Ansicht nach als Mechanismen, um die verstreuten Fragmente dieses Wissens durch Preissignale zu kombinieren.

Doch Märkte offenbaren Wissen nicht einfach. Sie verschleiern die sozialen und ökologischen Prozesse, die der wirtschaftlichen Aktivität zugrunde liegen. Preise fassen komplexe Beziehungen von Produktion, Konflikt und Ressourcennutzung zusammen, erklären sie aber nicht. Sie übersetzen Knappheit und Macht in scheinbar neutrale Kennzahlen und verschleiern dabei oft die strukturellen Bedingungen, die Kanppheit und Macht überhaupt erst hervorbringen. Koordination mittels ausgefeilter Planungsinstrumente findet auch im Kapitalismus statt – durch Unternehmensstrategien, Finanzprognosen, logistische Systeme und algorithmische Infrastrukturen –, doch diese Formen der Koordination bleiben weitgehend undurchsichtig und müssen nicht gerechtfertigt werden.

Demokratische Planung geht von einer anderen epistemischen Position aus. Sie erkennt an, dass menschliches Wissen unvollständig und vorläufig ist, dass Unsicherheit ein fester Bestandteil des sozialen Lebens ist und dass Koordination, ob nun bewusst organisiert oder nicht, unumgänglich ist. Eine selbstreflexive Rationalität verspricht keine Gewissheit, sondern behandelt die Grenzen des Wissens als politische Gegebenheit, mit der alle konfrontiert sind. Institutionen können so gestaltet werden, dass sie lokales Wissen erschließen, Aushandlungsprozesse fördern, Feedback einbeziehen und offen für Revisionen bleiben. Planung, so verstanden, wird zu einem experimentellen Geschehen: offen für die Entdeckung neuer Bedürfnisse und neuer Wünsche, während sie gleichzeitig zulässt, dass neue Konflikte entstehen, die die Unveränderlichkeit eigener Ansprüche in Frage stellen.

Kritik am Markt sollte daher nicht zu einem unkritischen Glauben an Pläne führen. Die Planung selbst kann zum Opfer der Illusion von umfassendem Wissen, Berechenbarkeit und Weitsicht werden. Aus diesem Grund muss sich jedes emanzipatorische Planungskonzept seiner eigenen epistemischen Grenzen bewusst bleiben. Anstatt perfektes Wissen zu beanspruchen, sollte selbstreflexives Planen fortgesetztes Lernen, institutionelle Selbstkritik und ein Bewusstsein für den partiellen und situativen Charakter der Informationen, auf denen Entscheidungen basieren, anstreben.

5. Planung der Natur

Die Natur lässt sich nicht einfach planen. In ökologischen Systeme gibt es kausale Kräfte und Dynamiken, die unabhängig von menschlichen Absichten existieren. Jede Planung, die diese ignoriert, läuft Gefahr, die Grundlagen des gesellschaftlichen Lebens zu untergraben.

Jede Form demokratischer Wirtschaftsplanung muss anerkennen, dass menschliche Gesellschaften in natürliche Systeme eingebettet sind, deren Dynamik sich nicht vollständig kontrollieren oder vorhersagen lässt. Im Kapitalismus wurde die Natur oft entweder als „Gratisgeschenk“, das der Produktion zugutekommt, oder als Externalität behandelt, deren Kosten ignoriert werden können, bis sie wirtschaftliche Beeinträchtigungen zur Folge haben. Selbst Versuche, diese Tendenz zu korrigieren, stützen sich häufig auf die Monetarisierung ökologischer Prozesse, indem Ökosysteme, Biodiversität und Klimastabilität in finanzielle Größen übersetzt werden. Solche Ansätze laufen Gefahr, die Natur auf eine einzige quantitative Kennzahl zu reduzieren und die komplexen und nicht reduzierbaren Eigenschaften ökologischer Systeme zu übersehen.

Postkapitalistische Planung bezieht Natur anders ein. Anstatt die Umwelt als passive Ressource zu behandeln, die ausgebeutet oder mit einem Preis versehen werden kann, betrachtet emanzipatorische Planung ökologische Systeme sowohl als Voraussetzungen als auch als Grenzen wirtschaftlicher Aktivität. Menschliche Produktion hängt von endlichen Ressourcenvorräten und den begrenzten Fähigkeiten natürlicher Systeme ab, Abfälle aufzunehmen und sich selbst zu regenerieren. Eine solche Planung muss daher von Anfang an ökologisches Wissen einbeziehen, Umweltbelastungen vorhersehen und Schwellenwerte respektieren, jenseits derer Ökosysteme irreversibel geschädigt werden.

Dies bedeutet nicht, dass die Natur die Wirtschaftsplanung determiniert. Ökologische Schwellenwerte sind real, aber die Art und Weise, wie Gesellschaften darauf reagieren, bleibt eine politische Entscheidung. Demokratische Planung muss daher wissenschaftliches Fachwissen über Umweltprozesse integrieren und gleichzeitig anerkennen, dass dieses Wissen stets unvollständig und revidierbar ist. Vorsorge, Experimentierfreudigkeit und Anpassungsfähigkeit werden zu zentralen Prinzipien im Umgang mit komplexen ökologischen Systemen. Planung unter ökologischen Zwängen ist zwangsläufig vorausschauend. Sie zielt darauf ab, den sozialen Metabolismus – die Ströme von Energie, Materialien und Abfällen – im Rahmen der Regenerationskapazitäten der Biosphäre zu koordinieren. Dies erfordert institutionelle Arrangements, die in der Lage sind, ökologische Informationen in ökonomische Entscheidungsprozesse zu integrieren und gleichzeitig demokratische Kontrolle und Anfechtungsmöglichkeiten aufrechtzuerhalten.

In diesem Sinne wird emanzipatorische Planung zu einer Form ökologischer Gouvernementalität, die in der Lage ist, menschliche Aktivitäten mit den materiellen Grenzen und Rhythmen natürlicher Systeme in Einklang zu bringen. Das Ziel ist die Neuordnung des gesellschaftlichen Stoffwechsels in einer Weise, die mit Nachhaltigkeit und dem langfristigen Gedeihen sowohl menschlicher als auch nicht-menschlicher Lebensformen vereinbar ist.

6. Die Ziele der Planung

Demokratische Planung schreibt keine einheitlichen Ziele vor. Stattdessen legt sie gemeinsame Schwellenwerte fest – Mindestbedingungen, die in ökologischer, sozialer und arbeitsrechtlicher Hinsicht gesichert werden müssen –, innerhalb derer sich pluralistische Visionen eines guten Lebens frei entfalten und einander widersprechen können.

„Gesellschaften haben kein Ziel, sie lösen Probleme.“ (Jaeggi). Doch eines der Probleme der kapitalistischen Gesellschaft ist die Unfähigkeit der meisten Menschen, die Zukunft überhaupt mitzugestalten. Postkapitalistische Planung beginnt hier: als kontinuierlicher, dynamischer Reflexionsprozess, nicht als statischer Mechanismus, um ein für alle Mal zu entscheiden, wie Bedürfnisse befriedigt werden sollen. Es handelt sich um eine von Natur aus zukunftsorientierte Praxis gezielten, rationalen Handelns, die sowohl die materiellen Bedingungen als auch das Selbstverständnis derjenigen verändert, die sie betreiben. Demokratische Planung funktioniert durch die Vergesellschaftung des politischen Beratungsprozesses, der nicht entscheidet, welche Zukunft gewählt werden soll, sondern, welche Bedingungen garantiert werden müssen, damit viele Zukunftsmöglichkeiten offen bleiben. Während die ökonomische Rationalität Optionen ausschließt, die nicht profitabel sind, werden diese durch die kollektive Festlegung gemeinsamer Schwellenwerte – ökologischer, sozialer, politischer Art – offen gehalten. Es geht nicht darum zu entwerfen, wie Menschen leben sollen, sondern darum, die Grundlage zu sichern, auf der sie selbstbestimmt leben können.

Planung schließt Orientierung, Institutionen und Rückkopplungsmechanismen ein. Die demokratische Praxis ermöglicht deren Überprüfung und Korrektur. Beides zusammen politisiert die Zukunft, indem es die Auseinandersetzung um Ziele institutionalisiert. Das geschieht weder durch spontane Evolution noch durch technokratische Planung. Es ist die reflexive Organisation von Veränderung unter Bedingungen der Ungewissheit – gelenkt, aber niemals abgeschlossen. Jede Gesellschaftsordnung enthält in ihren Praktiken ein Bild der Zukunft. Demokratische Planung legt diese Zukunftsvision offen, macht sie anfecht- und verhandelbar.

Das echte Leben umfasst vielfältige, oft unvereinbare Ziele. Postkapitalistische Planung bietet institutionelle Formen, in denen sich diese Pluralität zeigen kann und verhandeln lässt, ohne dass sie auf ein einziges übergeordnetes Ziel reduziert wird. Die Aufgabe der postkapitalistischen Planung besteht darin, einen Raum offen zu halten, in dem konkurrierende Vorstellungen des guten Lebens koexistieren, miteinander in Konflikt geraten, aufeinander einwirken und Entscheidungen über Investitionen, Infrastrukturen und gesellschaftliche Prioritäten beeinflussen können. In diesem Sinne ist Planung mehr als die wirtschaftliche Abstimmung von Bedürfnissen aufeinander. Sie stellt ethische und sogar ästhetische Fragen nach der Zukunft, in die investiert werden soll. Das Genre der postkapitalistischen Planung ist gesellschaftliche Science-Fiction, denn sie erfordert sowohl technisch-ästhetisches Urteilsvermögen als auch politisch-ethische Vorstellungskraft, um mitzubestimmen, wie wir in einer gemeinsamen Welt mit vielfältigen, verflochtenen und widersprüchlichen Zukunftsvorstellungen gut zusammenleben können. Es gibt nicht die eine Antwort, keine optimale Lösung für die beste aller möglichen zukünftigen Welten. Kein Rezept und kein Plan kann uns von der Last der menschlichen Freiheit befreien.

7. Kapitalistische vs. postkapitalistische Planung

Der eigentliche Gegensatz besteht nicht zwischen Plan und Markt, sondern zwischen den Planungen für die Akkumulation – reagierend, krisenanfällig, gewinnorientiert – und einer Planung, die auf vielfältige, kollektiv bestimmte Ziele ausgerichtet ist.

Der oft angenommene Gegensatz zwischen kapitalistischer Marktallokation und Wirtschaftsplanung verschleiert mehr, als er offenbart. Eine zentrale Erkenntnis der aktuellen Planungsdebatte ist, dass Planung nicht das Gegenteil von Märkten und Kapitalismus ist, sondern eine ihrer konstitutiven Formen. Große Konzerne und Monopolmächte koordinieren komplexe Produktionsketten, oft ohne sich allzu sehr auf Preissignalen zu verlassen. Das Finanzkapital prägt durch Investitionsentscheidungen die zukünftige Gestalt von Infrastrukturen und des gesellschaftlichen Lebens. Gleichzeitig greifen Staaten über ihre Industriepolitik, Regulierungsstandards und fiskalische Steuerungen in die Wirtschaft ein. Der Großteil kapitalistischer Innovationen baut auf öffentlich finanzierter Forschung und Entwicklung auf. Dem Kapitalismus mangelt es nicht an Planung, vielmehr institutionalisiert er spezifische Formen des Planens.

Kapitalistische Planung ist strukturell antidemokratisch, da sie ihre Autorität aus privatem Eigentum und nicht aus öffentlicher Legitimität bezieht. Das Kapital plant, um die Macht seiner Klasse zu erhalten. Die Arten, auf kapitalistische Weise zu planen, sind vielfältig. Was sie alle miteinander verbindet ist eine grundlegende Form der Rationalität: Kapitalistische Planung untersteht dem Imperativ wettbewerbsorientierter Akkumulation. Entscheidungen werden nach dem Kriterium der Rentabilität gefällt, das durch den Wettbewerb zwischen den Kapitalist:innen sowie die Annahme einer allgemeinen „Knappheit“ von Geld und investierbaren Ressourcen durchgesetzt wird. Selbst staatliche Planung wird strukturell von diesem Horizont bestimmt: Sie zielt darauf ab, Wachstum zu sichern, Erwartungen zu stabilisieren und attraktive Bedingungen für private Investitionen aufrechtzuerhalten. Die Zeitlichkeit kapitalistischer Planung ist überwiegend ex post: Leistungsindikatoren, Renditekennzahlen und makroökonomische Rückkopplungsschleifen dienen der Bewertung von Ergebnissen im Nachhinein. Anpassungen erfolgen in iterativen Korrekturzyklen, die die Form von platzenden Finanzblasen oder Marktzusammenbrüchen annehmen können.

Die postkapitalistische Planung hingegen folgt nicht einem einzelnen Kriterium, sondern vielen. Für die postkapitalistische Planung bleibt Ressourceneffizienz unverzichtbar, doch die Zielsetzung verlagert sich von der Realisierung von Mehrwert hin zur Befriedigung sozialer Bedürfnisse. Präferenzen, Bedürfnisse und Ressourcenbeschränkungen werden nicht dem „Markt“ überlassen, um sich im Warentausch zu „offenbaren“. Sie werden proaktiv in kollektive Entscheidungsprozesse integriert, wodurch die postkapitalistische Planung zeitlich vor allem ex ante erfolgt. Im Ergebnis ist sie auch weniger krisenanfällig.

Investitionen behalten eine treibende Rolle in der postkapitalistischen Planung, doch ihre Bedeutung ändert sich grundlegend. Sie sind nicht mehr der Vorschuss von Kapital in Erwartung monetärer Rendite. Vielmehr werden Investitionen zur kollektiv autorisierten Zuweisung von Arbeitskraft, materiellen Ressourcen, institutionellen Kapazitäten und Forschung für zahlreiche, gesellschaftlich bestimmte Ziele. Der Unterschied zwischen kapitalistischer und postkapitalistischer Planung besteht nicht zwischen einem Plan und seinem Fehlen, sondern zwischen einer Planung, die der Akkumulation von Wert untergeordnet ist, und einer auf zahlreiche, kollektiv bestimmte Ziele ausgerichteten Planung.

8. Planung, Freiheit und Wahl

Planung verteilt Freiheit um und gestaltet sie neu. Indem sie kollektiv die materielle Unabhängigkeit sicherstellt, verlagert sie Freiheit vom strukturell prekären individualisierten Besitz zur substanziellen Fähigkeit, die auf gegenseitiger Anerkennung beruht.

Planung und Regulierung werden für gewöhnlich attackiert, weil sie Freiheiten entgegenstünden. In kapitalistischen Gesellschaften wird Freiheit oft als die Wahlfreiheit der Konsument:innen angepriesen: ein Hauch von Autonomie, der sich über die strukturellen Abhängigkeiten legt. Freiheit wird als Abwesenheit von gesetzlichem Zwang, Regulierung und kollektiver Koordination dargestellt. Doch die Bandbreite der verfügbaren Wahlmöglichkeiten ist stets durch die Kaufkraft, durch den ungleichen Zugang zu Löhnen, Krediten und Eigentum sowie durch grundlegende Rahmenbedingungen geprägt, die die Wünsche in je konkrete Konsumformen lenken. Wohnen, Energie, Gesundheitsversorgung und sogar die Zeit selbst werden zur Ware, was ihre Verfügbarkeit für die Einzelnen von deren individueller Fähigkeit abhängig macht, sie sich zu sichern. Unter solchen Bedingungen ist die freie Kaufentscheidung untrennbar mit dem Mangel an Freiheit verbunden, überhaupt entscheiden zu können, was und wie produziert wird: Freiheit muss gerade da vollzogen werden, wo sie fehlt. Präferenzen werden durch Konsumgewohnheiten „offenbart“, während die grundlegenden Überlebensbedingungen den Marktschwankungen ausgesetzt bleiben. Freiheit wird innerhalb von Zwängen ausgeübt, die gesellschaftlich nicht gewählt werden und strukturell undurchsichtig bleiben.

Indem sie die Kontrolle über die wesentlichen Rahmenbedingungen vergesellschaftet und die Grundversorgung unabhängig vom Marktgeschehen sicherstellt, verändert Planung das Umfeld, in dem Entscheidungen getroffen werden. Das Ziel besteht nicht darin, die Art, wie gelebt wird, vorzuschreiben oder einzuschränken, sondern sicherzustellen, dass Experimentierfreudigkeit, Selbstbestimmung und das Verfolgen persönlicher oder kollektiver Projekte nicht ständig von sozialer Unsicherheit überschattet werden. Planung schränkt Freiheit nicht ein, sondern verteilt sie um und gestaltet sie neu. Die entscheidende Frage ist nicht, ob Freiheit eingeschränkt wird, sondern wessen Freiheiten eingeschränkt und wessen Freiheiten erweitert werden. Was für einige Wenige wie ein Verlust von Reichtum und Macht erscheint, kann für sich für die Vielen zu neuen Quellen von Sicherheit und Muße steigern. In diesem Sinne kann Planung den Bereich substanzieller Freiheit erweitern, indem sie materielle Unabhängigkeit schafft, ohne die formale Freiheiten leer bleiben.

Demokratische Planung muss jedoch bewusst die politischen und geistigen Freiheitsrechte schützen: Meinungsfreiheit, Vereinigungsfreiheit, Wissenschaftsfreiheit, die Freiheit zu künstlerischen Experimenten und das Recht auf Nonkonformismus. Eine stärkere Abstimmung aufeinander muss mit einer institutionellen Stärkung individueller Rechte einhergehen, die auch gegenüber der Verwaltung durchsetzbar sind. Die Alternative zu bürokratischer Herrschaft ist nicht der freie Markt, sondern die Schaffung rechtlich geschützter Autonomiebereiche innerhalb eines geplanten Rahmens: Räume für Dissens, institutionalisierter Pluralismus und Mechanismen, die die Konzentration unkontrollierter Macht verhindern.

Planung hebt weder die individuelle Wahlfreiheit noch die Selbstbestimmung auf. Sie schränkt die Fähigkeit der privaten Kaufkraft ein, der Gesellschaft ihre Konsequenzen aufzuzwingen, während sie gleichzeitig weite Bereiche persönlicher Entscheidungsfreiheit bewahrt. Damit verlagert sie den Fokus von der negativen Freiheit – der bloßen Abwesenheit von Einmischung – hin zur positiven Freiheit: dem gemeinsam gesicherten Vermögen, sowohl individuell als auch miteinander Projekte zu verfolgen, ohne ständig vom Entzug der Lebensgrundlagen bedroht zu sein. Die Entdeckung der Gesellschaft ist damit entweder das Ende oder aber die Wiedergeburt der Freiheit.“ (Polanyi) Planung erfordert ein neues Verständnis von Freiheit, das dieser Entdeckung gerecht wird.

Wenn existenzielle Sicherheit kollektiv garantiert wird, dehnt sich Freiheit über den Markt hinaus aus und beeinflusst die Gestalt der kommenden Gesellschaft. Planung definiert somit die Bedeutung von Freiheit neu: von einem individualisierten Besitz, der gegeneinander eingesetzt wird, hin zu der gegenseitigen Anerkennung, dass wir voneinander abhängig sind.

9. Planung, Transformation und Sozialisierung

Das Wesen der Produktion ist schon sozial. Die Umwandlung von Privateigentum an Produktionsmitteln in Gemeineigentum wird dem Kapitalismus daher nicht von außen auferlegt, sondern ist eines seiner latenten Potenziale – eines, das bei seiner Verwirklichung aus den Objekten der Planung ihre Subjekten werden lässt.

Eigentumsverhältnisse bestimmen die Verteilung der Entscheidungsgewalt, lange bevor formelle Planungsmechanismen zum Tragen kommen. Auch wenn der Kapitalismus nicht auf Privateigentum reduziert werden kann, stellt die Konzentration des Eigentums an Produktionsmitteln ein entscheidendes strukturelles Hindernis für die emanzipatorische Planung dar. Die Kontrolle über Land, Energie, Geld und andere Produktionskapazitäten bestimmt, wessen Präferenzen umgesetzt, wessen Bedürfnisse befriedigt und wessen Zukunftsvisionen finanziert werden. Vergesellschaftung verändert diese Landschaft, indem sie Ausschlussrechte in gemeinsame Entscheidungsbefugnisse umwandelt und so den Raum dafür schafft, Entscheidungen über Nutzung, Instandhaltung und Entwicklung gemeinsam zu treffen. Damit postkapitalistische Planung funktioniert, muss sie auch mit der Form des Privateigentums an Produktionsmitteln, Finanzvermögen und materiellen Infrastrukturen brechen und zu einem gemeinsamen Eigentum an Gütern der Grundversorgung übergehen. Zu vergesellschaften, was bereits sozial hergestellt wurde, bedeutet, die Möglichkeiten einer Planung der Zukunft aus dem Widerspruch im Kern der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse in Einklang zu entwickeln: Produktive Ressourcen sind bereits wesentlich sozial – abhängig von kollektiver Arbeit, gemeinsamer Infrastruktur und dem gesammelten gesellschaftlichen Wissen –, bleiben jedoch unter privater Kontrolle. Es ist diese Kluft zwischen dem sozialen Charakter der Produktion und der privaten Form des Eigentums, die kollektives Eigentum nicht zu einer von außen auferlegten Maßnahme macht, sondern zu einem latenten Potenzial innerhalb des Kapitalismus selbst.

Vergesellschaftung bewirkt mehr als die Umverteilung von Eigentum. Sie verwandelt die Fähigkeit, materielle Bedingungen zu gestalten, von einem Vorrecht der Eigentümer:innen in eine demokratische Praxis. Doch auch das beschreibt den Wandel noch nicht hinreichend. Die Vergesellschaftung wichtiger Infrastrukturen bereitet die Menschen emotional darauf vor, gemeinsam die Bedingungen des Alltagslebens zu kontrollieren – eine Kontrolle, von die strukturell ausgeschlossen war. Die Fragen nach Bedürfnissen und Zielsetzungen, die in den liberalen Demokratien gewöhnlich als Privatsache gelten, werden so Gegenstände öffentlicher Auseinandersetzungen. Damit kann Vergesellschaftung als transformative Erfahrung gelten: eine Erfahrung, die in ihrem Verlauf ändert, was für Personen wir sind. Deshalb lassen sich die Perspektiven rationaler Planung nicht vollständig im Voraus bestimmen, da sich die Subjekte der Planung selbst durch sie verändern.

Die bloße Erfahrung, dass Vergesellschaftung umgesetzt wird, stößt gesellschaftliche Veränderungen an. Sie schafft die Zeit und den Raum, in denen gelernt werden kann, wie man sich gemeinsam über nicht miteinander vereinbarer Ziele verständigt. und Auf diese Weise schafft sie die Voraussetzung für eine groß angelegte postkapitalistische Planung und für Wirtschaftsdemokratie. Das Ziel einer demokratischen Wirtschaftsplanung muss jedoch Teil des Vergesellschaftungsprozesses sein und ihm Gestalt und Richtung geben.

10. Demokratische Planung

Es gibt keine Blaupause dafür, wie demokratische Planung zu institutionalisieren ist. Geleitet von den Prinzipien Pluralität, Transparenz, Subsidiarität und durch Konflikte, die in institutionellen Arenen ausgetragen werden, gilt es, die demokratische Planung immer wieder neu zu erfinden, während zugleich politische und rechtliche Strukturen bestehen bleiben, die individuellen Freiheiten vor der Macht sich dabei bildender Verwaltungsapparate schützen.

Private Eigentumsverhältnisse führen auch zu einer klaren Trennung zwischen dem ökonomischen und dem politischen Bereich. Das bedeutet, die Wirtschaft bleibt – sowohl in Bezug auf die Produktion als auch auf die soziale Reproduktion – von demokratischen Entscheidungsprozessen weitgehend unbeeinflusst. Eine emanzipatorische Transformation erfordert daher eine Neugestaltung des Verhältnisses zwischen Wirtschaft und Politik. Demokratie kann nicht einfach gemäß der Blaupause einer institutionellen Ordnung „umgesetzt“ werden. Sie ist von Natur aus mit Zufälligkeiten behaftet und muss immer wieder neu verhandelt werden. Die Frage, wer welche Wirtschaftssektoren plant, ist daher nie endgültig geklärt. Je nach der betreffenden Gesellschaft und dem zu regierenden Sektor können unterschiedliche institutionelle Konfigurationen angemessen sein: repräsentative Organe, lottokratisch besetzte Ämter, Räte oder hybride Formen. Ebenso erfordern verschiedene Sektoren unterschiedliche Grade an technischem Fachwissen und technokratischem Input.

Wer was entscheiden darf – wer über das notwendige Fachwissen verfügt und wer aufgrund der unmittelbaren Auswirkungen einbezogen werden sollte – bezeichnet eine Dimension der Problematik. Aber auch die Subjektivierung steht infrage: Welche individuellen und kollektiven Kritikfähigkeiten sind für Selbstverwaltung erforderlich und wie können sie gefördert werden? Demokratische Planung bedeutet, eine kollektive Macht zu institutionalisieren, die noch nicht existiert. Die Zukunft muss in die Gegenwart eingreifen, um die notwendigen Fähigkeiten für eine Transformation zu erzeugen, die durch die Dominanz der Vergangenheit blockiert werden.

Doch auch wenn noch offen ist, wie die Demokratie institutionalisiert werden kann, dienen bestimmte normative Prinzipien als Leitlinien für die Gestaltung demokratischer Wirtschaftsplanungsgremien. Dazu gehören, dass repräsentative Organe plural und divers besetzt sein müssen, die aktive Einbeziehung marginalisierter Stimmen – nicht nur derjenigen, die direkt von Auswirkungen einer Entscheidung betroffen sind, sondern auch jene mit spezifischen politischen Interessen –, eine Institutionalisierung der Konfliktaustragung, das heißt Verfahren, die divergierende Interessen im Rahmen der Entscheidungsfindung explizit machen und zur Diskussion stellen, Transparenz in der Entscheidungsfindung, reflexive Offenheit und die Fähigkeit, sich selbst infrage zu stellen, einschließlich Mechanismen, die institutionelle Regelungen revidierbar machen sowie Subsidiarität, die es ermöglicht, Entscheidungen auf der untersten der möglichen Ebenen zu treffen.

Dennoch kann Politik, das heißt politische Demokratie, nicht vollständig in die Wirtschaft integriert werden. Demokratische Wirtschaftsplanung erfordert nach wie vor politische Institutionen wie Gerichte, Verfassungen und politische Freiheiten, um eine umfassende Demokratisierung zu gewährleisten. Wie lässt sich beispielsweise gewährleisten, dass weder Selbstbestimmung noch Nachhaltigkeit aufgegeben werden, wenn demokratische Mehrheiten ökologisch destruktive Wege wählen? Der Punkt ist, dass es jedes Szenario Kompromisse erfordert und kein Wertkriterium oder keine Form der Rationalität allein eine schwierige Entscheidung lösen kann, ohne dass es eine politische Auseinandersetzung über die Ziele nötig wäre. Die Freiheit, solche Ziele zu bestimmen, fehlt heute.

11. Grenzen der Planung

Grenzen gibt es unvermeidlich. Nur durch demokratische Planung können sie bewusst verschoben werden. Sonst werden sie durch Katastrophen wirksam. Wer nicht plant, plant zu scheitern.

Planung entfaltet sich in einer Welt, die durch materielle, ökologische und historische Zwänge begrenzt ist. Energiesysteme, Verkehrsnetze, digitale Architekturen und Siedlungsformen sind keine neutralen Kulissen, sondern sedimentierte Geschichte, Produkte vergangener Entscheidungen, die gegenwärtige Möglichkeiten strukturieren. Ökologische Prozesse setzen Schwellenwerte, die nicht einfach wegverhandelt werden können, und unser Wissen von ihnen bleibt unvollständig und ist in vielen Fällen umstritten. Die Folgen kollektiven Handelns sind häufig irreversibel. Doch derartige Zwänge rechtfertigen keine Untätigkeit. Vielmehr definieren sie den Handlungsrahmen. Effektive Planung erfordert daher Urteilsvermögen, Improvisation und Kontextbewusstsein. Die Versuchung, Grenzen als rein technische Parameter zu behandeln, die von Expert:innen jenseits öffentlicher Debatten bestimmt werden können, birgt die Gefahr, den Horizont demokratischen Handelns einzuschränken und politisches Urteilsvermögen der Beachtung von Grenzen unterzuordnen. Ein angemessenerer Ansatz verortet Fachwissen in demokratischen Verfahren, die Unsicherheit und Ungleichheiten anerkennen.

Geopolitische Grenzen verkomplizieren das Bild zusätzlich. Demokratische Planung findet nicht in einem Vakuum statt, sondern innerhalb einer ungleichmäßigen und von wechselseitigen Abhängigkeiten geprägten Weltwirtschaft, die von globalen Lieferketten, Kapitalmobilität und geopolitischem Wettbewerb geprägt ist. Nationale oder regionale Planungsprojekte sehen sich mit externen Zwängen konfrontiert, die sie nicht vollständig kontrollieren können. Die Ebene, auf der demokratische Koordination möglich ist, deckt sich selten mit der Ebene, auf der sich ökonomische und ökologische Prozesse entfalten. Jedes ernsthafte Projekt demokratischer Planung muss sich daher mit Machtasymmetrien außerhalb seines unmittelbaren Zuständigkeitsbereichs auseinandersetzen, selbst wenn versucht wird, den Umfang der Zusammenarbeit über Grenzen und Institutionen hinweg zu erweitern.

Planung wird in diesem Sinne zu einer Praxis der freien Steuerung ohne Garantien: Sie geht weder davon aus, allmächtig die Zukunft beherrschen zu können, noch zieht sie sich in resignierter Demut vor strukturellen Zwängen zurück. Stattdessen fragt emanzipatorische Planung, wie überkommene Fähigkeiten neu ausgerichtet, ökologische Anfälligkeit respektiert und die Lasten und Vorteile des Wandels in der Gesellschaft neu verteilt werden können. Grenzen sind in diesem Sinne sowohl real als auch historisch: Sie rahmen ein, was an Zukunft möglich ist, ohne die Zukunft zu bestimmen.

Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob Planung an Grenzen stößt. Das wird sie immer. Die Frage ist, welche Grenzen das kollektive Leben bestimmen werden. Die Weigerung zu planen setzt die Planung nicht außer Kraft, sie überlässt sie den Zwängen der Kapitalakkumulation. Was sich als Freiheit von der Planung darstellt, ist in Wirklichkeit die Unterwerfung unter eine undurchsichtige und nicht rechenschaftspflichtige Form derselben – eine, die die ökologische Destabilisierung beschleunigt, soziale Ungleichheiten verfestigt und demokratische Wahlmöglichkeiten einschränkt.

Demokratische Planung wird unweigerlich heftige Konflikte und unbeabsichtigte Folgen mit sich bringen. Doch die Grenzen, die durch das Fehlen einer vergesellschafteten Planung ihre Wirkung entfalten – wie der Klimakollaps, festgefahrene Infrastrukturen, technologische Dominanz und das Unterminieren gemeinsamer Lebensbedingungen –, sind gravierender. Es gibt keinen Plan ohne Widersprüche oder Einschränkungen. Nur durch gemeinsame Zukunftsplanung können Grenzen bewusst verschoben werden. Andernfalls werden sie durch Katastrophen wirksam.

Berlin, März 2026

Jacob Blumenfeld, Rabea Berfelde, Solveig Degen, «11 Thesen zur Planung», criticaltheoryinberlin.de [online], published online 21 April 2026, accessed on 20 May 2026 URL: https://criticaltheoryinberlin.de/interventions/11-thesen-zur-planung/;

Downloads / Links

11 Thesen zur Planung_DE

Zurück zur Debate:11 Theses On Planning