Krisen des Rationalen
Ist es vernünftig, eine Industrieproduktion aufrechtzuerhalten, die die menschlichen Lebensgrundlagen auf dem Planeten für Jahrhunderte zerstört? Wird es vernünftiger, wenn diese Industrien Arbeitsplätze bereitstellen, deren Wegfall nicht nur viele Menschen sofort hilfsbedürftig werden lässt, sondern zugleich die Steuereinnahmen des Staates beschneidet, aus denen Hilfsleistungen bezahlt werden? Ist es vernünftig, auf soziale Krisen mit einer faschistischen Politik zu reagieren, die die Krisen nicht löst, aber verspricht, die eigene Nöte auf Kosten anderer zu lindern? Wird sie vernünftiger, wenn man tatsächlich von ihr profitiert?Die Antwort auf alle diese Fragen scheint naheliegend. Und doch mehren sich die sozialen und politischen Kräfte, die so handeln, als wäre all das rational. Sie treten das Erbe der liberalen Wohlfahrtsstaaten an, die ihrerseits schon durch einen nationalstaatlichen Rahmen und die rassifizierte Idee eines Staatsvolks geprägt waren. Doch trugen diese Staaten im ausgehenden 20. Jahrhundert zumindest den Anspruch vor sich her, der Würde des Menschen und dem Wert der Selbstbestimmung gerecht zu werden.Der Neoliberalismus hat das sozialdemokratische Wohlfahrtsstaatsmodell inhaltlich und materiell ausgehöhlt. Seine utopische Kraft ist verlorengegangen und es mobilisiert immer weniger Wähler:innen und gesellschaftliche Unterstützung. Der inklusive Liberalismus befindet sich im freien Fall, und die Idee einer geteilten Zukunft der globalen Menschheit scheint nur noch als Dystopie aus Krieg und Klimakollaps vorstellbar.Mit Dipesh Chakrabarty lässt sich diese Situation als tiefe Krise des Erbes der Aufklärung begreifen. Die Logiken von Wohlfahrtsstaat, Liberalismus und Fortschritt werden durch regressive Ansätze verdrängt, die zwischen verdeckt autoritär und offen faschistisch changieren. An die Stelle der Vernunft, die ausgehend von der Aufklärung beschworen wurde, treten affektive Politiken. Disruption und die Lust an der Zerstörung verdrängen die Beschwörung von Verbesserung und Partizipation.Unter solchen Bedingungen besteht die Gefahr, einem allzu idyllischen Bild der Vergangenheit zu erliegen und dabei in allzu klare Entgegensetzungen zu verfallen. Denn aus der Perspektive einer kritischen Theorie gilt es zunächst festzuhalten, dass das liberal-wohlfahrtsstaatliche Modell keineswegs einfach als Inbegriff der Vernunft gegen eine irrationale autoritäre oder faschistische Herrschaftsweise gesetzt werden kann. Eine solche Entgegensetzung hieße einerseits den Vernunftbegriff auf eine bestimmte Form der Rationalität zu reduzieren und andererseits zu übersehen, dass die fundamentale Irrationalität des liberal-wohlfahrtsstaatlichen Modells das Umschlagen in autoritär-faschistische Irrationalität befördert, wenn nicht verursacht.Die falsche Entgegensetzung von Individuum und Gesellschaft, die Allgegenwart von Konkurrenzbeziehungen, die schon Kinder und Jugendliche gegeneinander in Stellung bringen, die Unfähigkeit, individuelle Wünsche, Präferenzen und Ziele gesellschaftlich zu hinterfragen, und die Reproduktion rassistischer Exklusion und Marginalisierung im Inneren sowie auf transnationaler Ebene lassen im liberalen Wohlfahrtsstaat Solidarität soweit erodieren, dass in Krisenzeiten Schutz vor den kapitalistischen Zumutungen nur noch durch Zugehörigkeit zu einer autoritär zusammengehaltenen Kampf- und Beutegemeinschaft möglich scheint.Die Krise der Rationalität des liberalen kapitalistischen Wohlfahrtsstaates – so unsere Grundthese – ist Ausdruck einer tiefergehenden sozialen Unvernunft. Ein gesellschaftlicher Zusammenhang, der sich nur als Emergenz individueller Interessenverfolgung versteht und meint, sich aus globalen Machtverhältnissen auskoppeln zu können, ist damit nicht nur als unvernünftig gesetzt. In ihm schlägt auch die rationale Interessenverfolgung von Einzelnen, Gruppen und Klassen regelmäßig in Irrationalität um. Weil die einzelnen rationalen Erwägungen in keinen vernünftigen gesellschaftlichen Zusammenhang eingebettet sind und transnationale Abhängigkeiten nicht mitdenken können, scheint es den Beteiligten dabei so, als vollzögen sich die Übergänge zum Irrationalen allein durch den Widerstreit der Kalküle und Interessen, die sie je für sich verfolgen.Ein tieferes Verständnis der Irrationalität entsteht folglich, wenn gesellschaftliche Vernunft nicht auf die gelungene Koordination partikularer Interessen reduziert wird. Vernunft heißt vielmehr, die Bedingungen zu reflektieren, unter denen Menschen ihr Zusammenleben organisieren, Konflikte bewältigen, bestehende Herausforderungen angehen und zwar mit dem Anspruch, dies mit guten und nachvollziehbaren Gründen zu tun. Die Krise des Rationalen offenbart sich hingegen im Zusammenspiel der instrumentellen Rationalitäten, das selbst irrational bleibt, weil es dem Liberalismus nicht gelingt, einen vernünftigen Gesamtzusammenhang herzustellen. Immer wieder kollidieren in einem derartig unvernünftigen gesellschaftlichen Zustand verschiedene Formen instrumenteller Rationalität, von denen keine für sich eine übergreifende Geltung beanspruchen kann. Wenn ökologische Imperative auf ökonomische prallen und gleichzeitig auch noch Freiheitsansprüche und soziale Ungleichheit berücksichtigt werden sollen, dann hilft es nicht, die einzelnen Ansprüche gegeneinander aufzurechnen.Das Scheitern des Zusammenspiels instrumenteller Rationalitäten lässt sich schon an Marktprozessen beobachten, bei denen die Gesamtheit der Ökonomie auf eine Weise zufallsabhängig ist, die in keinem einzelnen Betrieb oder familiären Haushalt ertragen würde. Der naheliegende Versuch, dem durch eine umfassende Planung zu begegnen, hat sich in der Praxis als deutlich komplexer erwiesen, als es zunächst schien. Der Versuch, die gesamtgesellschaftliche Produktion nach dem Vorbild der Post zu organisieren, ist gescheitert. Und das nicht nur, weil Ökonomien in sich ausgesprochen komplex sind, sondern auch, weil sich die Frage stellt, auf der Grundlage welcher Prinzipien eine Planung erfolgen soll: Soll möglichst viel Arbeitszeit eingespart werden? Sollen möglichst wenige Ressourcen verbraucht werden? Soll möglichst viel gesellschaftlicher Reichtum entstehen oder dafür gesorgt werden, dass alle gut versorgt sind? Soll es vor allem darum gehen, gesellschaftliche Machtverhältnisse zu stützen? Oder geht es vor allem darum, die natürlichen Lebensbedingungen zu erhalten und zu verbessern?Welche Fragen als Leitfragen gesellschaftlicher Planung überhaupt aufscheinen, welche sich aufdrängen, welche gewählt und welche verworfen werden, sagt viel über die gesellschaftlichen Verhältnisse und die Praktiken, die in einer Gesellschaft vorherrschen, aus. Zugleich kennzeichnet es auch die Quellen der Unvernunft, wenn ganze Dimensionen des gesellschaftlichen Lebens gar nicht oder nicht angemessen berücksichtigt werden.Deshalb kann auch die Konsequenz nicht sein, den Anspruch ganz aufzugeben, der sich mit dem Versprechen der Rationalität verbindet. Gerade weil gegenwärtig Irrationalität als Ausweis der eigenen Überlegenheit regelrecht zelebriert wird, stellt sich die Frage, wie das Versprechen der übergreifenden Vernunft gerettet werden kann, ohne die notwendige Kritik an einer Rationalität zu verraten, die auf Zweck-Mittel-Beziehungen reduziert wurde oder einzelne Aspekte der menschlichen Existenz zu einer unzulässigen Allgemeinheit aufbläst.Die Krise des Rationalen kann hierfür ein Ausgangspunkt sein. Dass sich ihre Irrationalität zeigt, kann dominante Rationalitätsmuster infrage stellen und dazu führen, dass Alternativen entwickelt werden. Durch solche Dissonanzen werden Anpassungen wahrscheinlich, wenn nicht gar unausweichlich. Jedoch vollziehen sich geschichtliche Prozesse nicht nach dem Leitfaden der Vernunft. Neben den Leiden und den Zielen der Menschen spielen in ihnen noch Faktoren, wie institutionalisierte Beziehungen, Infrastrukturen der (Re-)Produktion und Naturprozesse, als eigenständige Kräfte eine Rolle. Nur allzu oft kommt die Vernunft in diesem Zusammenspiel unter die Räder. Statt zur Lösung von Problemen, kommt es zu Blockade von Lösungsmöglichkeiten oder von Prozessen, die überhaupt erst dazu führen können, Lösungen zu finden. Immer wieder werden Probleme nur von einem Bereich in den nächsten verschoben. Ein Vorgang der am besten als Regression beschrieben wird und in Krieg und Gewalt seinen furchtbaren, aber nicht notwendig kathartischen Höhepunkt erfährt. Nicht jede Krise endet in einem Fortschritt. Ausbeutung, Unterdrückung, Diskriminierung und der Verlust der Lebensgrundlagen produzieren die Notwendigkeit, aus vorgegebene Normen auszubrechen. Sie machen es vielen Menschen unmöglich, ihr Handeln an vorherrschenden Formen der Rationalität auszurichten. Allerdings ist die Frage, ob die Gegengemeinschaften, die gebildet werden, um überhaupt existieren zu können, ein Aufbruch in neue, solidarischere und freiere Praktiken sind oder sich als umso härtere Formen der Beherrschung erweisen. Solche Fragen zu beantworten, heißt zum einen, sich mit konkreten Erfahrungen von Gegengemeinschaftlichkeit auseinanderzusetzen. Es heißt aber auch, besser zu verstehen, wie Krisen funktionieren, was in ihnen blockiert wird und welche Kräfte in ihnen wirken. Es ist wichtig zu verstehen, wie sich die Blockaden verschieben und vervielfältigen, die in Krisen manifest sind, und wie die angemessenen Problemlösungen ausbleiben.Das bessere Verständnis von Krisen, von ihren Veränderungspotenzialen, aber auch ihren Blockademechanismen setzt voraus, dass die konzeptionellen Werkzeuge des Krisenverständnisses überprüft und geschärft werden. Diese abstrakt-begriffliche Arbeit lässt sich aber nicht von der Auseinandersetzung mit dem vielgestaltigen Krisenkomplex der Gegenwart trennen. Während die einen angesichts der Krise des liberalen Wohlfahrtsstaates wieder einmal Abgesänge auf das Abendland und seine Kultur anstimmen, streiten die anderen darüber, ob die autoritär-populistischen Strömungen der Gegenwart als Faschismus richtig beschrieben sind.Terminologische Debatten haben ihren eigenen Reiz – und oft verbinden sie sich auch mit strategischen Entscheidungen, wie und mit wem gesellschaftliche Auseinandersetzungen geführt werden. Die Frage nach den Existenzweisen und bedingungen des Rationalen, nach seinen Formen, Krisen und Umschlägen ins Irrationale bietet jedoch die Möglichkeit, das strategische Feld, um dass es in den gesellschaftlichen Kämpfen der Gegenwart geht, auf neue Weise zu vermessen. Die Hoffnung ist, so zu neuen Antworten auf die drängenden Herausforderungen zu kommen, die die Gegenwart in ihrer Irrationalität stellt.
Events
- März 10 2026 | MUSKISMUS – Buchpräsentation mit Quinn Slobodian und Ben Tarnoff
- Februar 11 2026 | Mute compulsion
- Juni 4 2026 | Crisis and Transformation
- Januar 28 2026 | Étienne Balibar: Rasse, Geschlecht, Gattung. Zur Frage der anthropologischen Differenzen
- Februar 18 2026 | Recht und Emanzipation: Zur Kritik eines immanenten Widerspruchs
- Februar 16 2026 | Critique of AI
- Januar 22 2026 | Krise und kollektive Handlungsfähigkeit. Ein Gespräch zur Politik von Gegengemeinschaften
- Januar 30 2026 | Krieg der Institution oder Institution des Krieges?
- Dezember 4 2025 | The Grounds of Planning: Rationality, Pseudorationality, and Critique