Manuskriptworkshop mit Rodrigo Maruy
Kommentare von Hauke Brunkhorst, Robin Celikates, Bertram Lomfeld, Esther Neuhann, Tim Wihl, Raquel Weiss
Anmeldung bis zum 4.02.2025 (23:00 Uhr) über das Formular unten
Topic
Wie hängen Recht und Emanzipation zusammen? In liberalen Demokratien wird das Recht häufig als eine Institution betrachtet, die Freiheit, Gleichheit und Rechtstaatlichkeit sichert. Angesichts des globalen Rechtsrücks erscheinen Gerichte, Verfassungen und Menschenrechte zunehmend als Bastionen des Widerstands gegen eine drohende Faschisierung der Gesellschaft. Denkt man darüber hinaus an die Abschaffung der Sklaverei und die politische Unabhängigkeit der ehemals Kolonisierten, an die Gleichstellung von Frauen und die Kriminalisierung patriarchaler Gewalt, an vertragsrechtlichen Arbeitsschutz und soziale Rechte, so zeigt sich, dass solche Transformationen gesellschaftlicher Verhältnisse rechtlich verankert wurden. Aus dieser Perspektive stellt das moderne Recht eine emanzipatorische Errungenschaft dar – ja Emanzipation scheint auf rechtliche Institutionalisierung angewiesen zu sein, um sich zu verwirklichen.
Zugleich wird das Recht dafür kritisiert, dass es bestehende Herrschaftsverhältnisse legitimiert oder in veränderter Form aufrechterhält. Kapitalistische Ausbeutung und ökonomische Ungleichheit basieren auf zivilrechtlichen Institutionen wie Vertragsfreiheit und Privateigentum. Die Ideale von Unparteilichkeit, Neutralität und Objektivität des liberalen Rechts erweisen sich bei genauerer Betrachtung als ideologische Maskierungen männlicher Dominanz. Das Strafrechtssystem richtet sich vorwiegend gegen rassifizierte Minderheiten. Das öffentliche Recht dient nicht nur der Regulierung, sondern auch der Rechtfertigung der Staatsgewalt und trägt insbesondere in siedlerkolonialen Kontexten zur Enteignung und Marginalisierung indigener Bevölkerungen bei. Schließlich fungieren das Völkerrecht und sein Zivilisationsdiskurs weiterhin als Werkzeuge des Imperialismus, indem sie beispielsweise humanitäre Interventionen in rohstoffreiche Territorien rechtfertigen. Aus solchen Perspektiven scheint das Recht Emanzipation systematisch zu blockieren.
Wie ist das betreffende Spannungsverhältnis theoretisch zu begreifen? Woran liegt es, dass das moderne Recht Emanzipation zugleich zu blockieren und zu verwirklichen scheint? Handelt es sich dabei um einen strukturell angelegten Widerspruch? Und welche Transformationspotenziale ergeben sich daraus, dass sich Recht und Emanzipation einander widersprechen? Der Workshop befasst sich mit diesen Fragen anhand einer Diskussion des Dissertationsmanuskripts von Rodrigo Maruy. Im Manuskript werden zentrale Beiträge der Kritischen Theorien (Frankfurter Schule) und der kritischen Rechtstheorien herausgearbeitet, um eine immanente Kritik des modernen Rechts in seinem Verhältnis zur Emanzipation zu artikulieren. In die Diskussion werden Spezialist:innen aus der Sozialphilosophie, Rechtstheorie und -soziologie einbezogen.
Rodrigo Maruy
Rodrigo Maruy hat Philosophie in Lima, Bordeaux und Berlin studiert. Im Rahmen des DFG-Graduiertenkollegs 2638: Normativität – Kritik – Wandel war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Praktische Philosophie und Sozialphilosophie der Humboldt-Universität zu Berlin. Dort hat er eine Dissertation zur Kritischen Theorie des Rechts verfasst und eingereicht. Derzeit erforscht er Konvergenzen und Spannungen zwischen der Kritischen Theorie und Theorien der Dekolonisation mit Fokus auf Lateinamerika.
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