Buchvorstellung mit dem Autor Dominik Herold sowie Rahel Jaeggi, Morten Paul und Tatjana Söding
Topic
Autoritäre und faschistische Kräfte bedrohen demokratische Ordnungen weltweit. Dabei gelingt es ihnen in besonderem Maße, Affekte strategisch für ihre politischen Zwecke zu mobilisieren und dauerhaft zu bewirtschaften. Der Kampf um die Demokratie ist deshalb, so die These des Sozialphilosophen Dr. Dominik Herold, ein Kampf, der mit Affekten um Affekte geführt wird.
In seinem Buch Radikale Demokratie und die Macht des Affektiven zeigt Herold, dass Affekte weder als bloß irrationale und individuelle Regungen noch als grundsätzlich gute oder schlechte Kräfte verstanden werden können. Sie sind vielmehr politisch wirksam: Sie verbinden Menschen auf spezifisch Weise, strukturieren Wahrnehmungen und Zugehörigkeiten, konstituieren Körpergefüge. Auf diese Weise können sie, wie Herold am Beispiel von Scham und Wut erklärt, sowohl zur Stabilisierung von Herrschaft als auch zu ihrer Infragestellung beitragen.
Der Kampf gegen die Faschisierung und für eine radikale Form der Demokratie erfordert daher ein genaueres Verständnis der affektiven Dimension des Politischen. Demokratie lässt sich nicht allein als Institutionenordnung oder Verfahren begreifen, sondern muss als körperlich-relationale Lebensform verstanden werden, die auf leidenschaftlichen Verhaftungen und psychopolitischen Prozesse beruht. Diese Lebensform ist aber nicht eine unter anderem: hier stehen die Subjekte (oder Körper) in einem spezifischen Verhältnis zueinander, »in der sie sich anders oder besser als in autoritären Konstellationen ihrer Handlungsmacht, agency oder Vitalität versichern können.«
Was folgt daraus für die politische Praxis? Welche Affektpolitiken und Körperökonomien sind momentan am Werk? Welche Ressourcen lassen sich darin für eine radikaldemokratische Zukunft und die Vorstellung einer affektiven Demokratie finden? Über diese Fragen diskutieren Tatjana Söding, Morten Paul, Rahel Jaeggi und Dominik Herold.
Das Gespräch findet auf Deutsch statt. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Sprecher:innen
Dominik Herold ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Centre for Social Critique. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich zeitgenössischer kritischer Theorien, der kritischen Phänomenologie sowie der Psychoanalyse. Insbesondere interessiert er sich für sozialphilosophische Phänomene affektiver Verhaftung (Melancholie, Heimsuchung, grausamer Optimismus etc.) und deren Ökonomisierung durch politische Kräfte.
Rahel Jaeggi ist Professorin für Praktische Philosophie und Sozialphilosophie und Direktorin des 2018 gegründeten Centre for Social Critique an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen historisch in der Tradition der Kritischen Theorie, systematisch in der Sozialphilosophie, Sozialtheorie, Sozialontologie sowie Anthropologie, der Politischen Philosophie und Philosophischen Ethik. Zuletzt erschien von ihr bei Suhrkamp »Fortschritt und Regression«.
Morten Paul ist Literatur- und Kulturwissenschaftler. Er arbeitet am Germanistischen Institut der Ruhr-Universität Bochum, wo er zu den Verbindungen von Freud’ scher Psychoanalyse und Marx’scher Kritik der politischen Ökonomie forscht und lehrt. Im April erschien der von ihm herausgegebene Sammelband »Was war Faschismustheorie?« im Verbrecher Verlag. 2027 folgt gemeinsam mit Fernando Esposito der Band »Faschismus« (Suhrkamp).
Tatjana Söding ist Humanökologin und forscht als Teil des internationalen Zetkin-Kollektivs zu Fragen von Klimagerechtigkeit, politischer Ökologie und (fossiler) Faschisierung mit Fokus auf Deutschland. Im August erschien ihr gemeinsam mit William Callison, George Edwards, Jacob McLean verfasstes Buch »The Great Driving Right Show: Cars, Crisis, and the Rise of Fossil Fascism« bei Verso.