Ein Gespräch mit Christoph Menke, Katja Diefenbach, Helmut Draxler und Rahel Jaeggi
Topic
Der Krieg erscheint im liberalen Diskurs als ein Missgeschick, dass ihm von außen aufgezwungen wird; denn wenn man ihn nur ließe, würden alle Konflikte friedlich und im wechselseitigen Ausgleich vornehmlich ökonomischer Interessen beigelegt werden. Doch zweifellos beruht auch dieser Diskurs auf einer bestimmten, institutionalisierten Form von Gewalt, über die er sich selbst nicht Rechenschaft abzulegen imstande ist. Diese Gewalt durchdringt die sozialen, ökonomischen und kulturellen Kapitalien und legt damit die jeweiligen Verhandlungspositionen überhaupt erst fest. Nur von diesen Voraussetzungen absehend, kann der Krieg als Ausnahmezustand und nicht als instituierte Form von Herrschaft erscheinen.
Wie aber kann der liberale Diskurs in seinen gewaltförmigen Voraussetzungen herausgefordert werden ohne in eine Apologie des Krieges und der illiberalen Werte zu verfallen? Ausgangspunkt der Veranstaltung wird die Frage sein, wie das Problem der Institution mit dem des Krieges in Verbindung gebracht werden kann. Denn die klassische politische Theorie sieht in der Institution die Einhegung des Krieges aller gegen alle und damit eine soziale Formation am Werk, die zuallererst die bedingte Freiheit, die uns bleibt, zu gewährleisten imstande ist. Der Krieg gegen die Institution wäre in ihrem Sinne stets ein Krieg gegen die Freiheit und andere emanzipatorische Zielsetzungen selbst. Genau damit werden jedoch jene restriktiven Seiten der Institution ausgeblendet, die wesentlich für ihr Funktionieren sind.
Institutionen müssen daher in ihrem inneren Zwiespalt zwischen restriktiven und produktiven Momenten verstanden werden. Vor dem Hintergrund der These von Pierre Clastres, dass der Krieg aller gegen alle keineswegs einen Naturzustand, sondern eine spezifisch institutionalisierte Form von “Gesellschaften gegen den Staat” repräsentiert, stellt sich die Frage, wie diese besondere Zwiespältigkeit moderner Institutionen und die damit verbundene Institutionalisierung des Krieges aufgefasst werden können. Dies scheint nur möglich zu sein, wenn man den Krieg nicht als ein Außerhalb der Institution liegendes, Nicht-Instituiertes auffasst, sondern als gleichsam negative Dimension der Institution selbst, mithin als ein Negatives, das konstitutiv zu seiner Positivität beiträgt. Es gilt daher, die innere Dialektik sowohl der Institution als auch des Krieges zu erfassen, als Voraussetzung, emanzipatorische Zielsetzungen weder rein Institutionell noch rein institutionskritisch zu bestimmen.
Entscheidend hierfür wird sein, Krieg und Institution nicht als isolierte Gegenstände zu betrachten, die aus der sicheren Distanz heraus begründet, beurteilt oder verstanden werden können. Denn sie gehen jeder möglichen reflexiven Distanz immer schon voraus. Sie lassen sich dementsprechend weder als metaphysische Prinzipien noch als rein empirische Fakten aufzufassen, sondern als Herausforderungen des Denkens, das Nicht-Gedachte im Denken zu explizieren und die besondere Logik des Komplexes von Krieg und Institution auf die Logiken von Kapital und Herrschaft zu beziehen.
Podiumsgäste
Christoph Menke ist emeritierter Professor für Praktische Philosophie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Nach Professuren an der New School for Social Research in New York und an der Universität Potsdam lehrte er von 2009 bis 2025 in Frankfurt. Zuletzt erschienen: Theorie der Befreiung (Suhrkamp 2022) und Autonomie und Befreiung (Suhrkamp 2018).
Helmut Draxler ist Kunsthistoriker, Kulturtheoretiker und Kurator. Von 2014 bis 2023 war er Professor für Kunsttheorie an der Universität für angewandte Kunst Wien. Zuletzt erschienen: Was tun? Was lassen? Politik als symbolische Form (tentare 2024) und „Polarisierung und Ressentiment“ (Merkur, Nr. 896, 2024).
Katja Diefenbach ist Professorin für Kulturphilosophie/Philosophie der Kulturen an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der französischen Philosophie des 20. Jahrhunderts, mit besonderem Fokus auf das Verhältnis von Marxismus, Dekonstruktion und (Post-)Strukturalismus sowie auf die Spinoza-Forschung. Zuletzt erschien: Spekulativer Materialismus. Spinoza in der postmarxistischen Philosophie (Turia + Kant 2018).
Rahel Jaeggi ist Professorin für Praktische Philosophie sowie Rechts- und Sozialphilosophie und seit 2018 Direktorin des Centre for Social Critique an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen die Begriffe der Entfremdung, Kommodifizierung, Verdinglichung, Ideologie, Lebensform und Solidarität. Zuletzt erschienen: Fortschritt und Regression (Suhrkamp 2023) und, zusammen mit Nancy Fraser, Kapitalismus. Ein Gespräch über kritische Theorie (Suhrkamp 2020).