Im Jahr 2026 hat der international anerkannten Historiker Dipesh Chakrabarty den Benjamin Chair am Centre for Social Critique inne. Ein Vierteljahrhundert nach der Veröffentlichung seines bahnbrechenden Essays „Provincializing Europe“ wird Chakrabarty die Frage aufwerfen, ob die vielfältigen ökologischen Katastrophen, die den Planeten heimsuchen, eine Provinzialisierung der Menschheit selbst erforderlich machen.
Die Lectures 2026 werden in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung organisiert.

Topic
Der Aufstieg autoritärer Tendenzen und fremdenfeindlicher Kulturen in den Demokratien der Welt, der Wandel Chinas in ein technologisches und ökonomisches Machtzentrum sowie die globalen Formen des Terrors gelten häufig als Folge von Kipppunkte in der Langzeiterzählung vom »Untergang des Abendlandes«. Diese Erzählung liegt spätestens seit ihrer stilbildenden Ausformulierung durch Oswald Spengler in vielfältigen Formen vor. Fügen wir den genannten Faktoren noch die Unsicherheiten hinzu, die mit den verschiedenen Umweltproblemen planetaren Ausmaßes, den beispiellosen technologischen Entwicklungen und den demographischen Prognosen für die gesamte Menschheit einhergehen, dann scheinen die beschleunigte Modernisierung und die Werte der Moderne nicht länger zueinander zu passen. Die Metapher vom Untergang einer Zivilisation, die einer anderen Platz macht, wirkt angesichts einer Krisenwahrnehmung, die nicht nur eine Zivilisation zu betreffen scheint, vollkommen unangemessen.
Die Benjamin Lectures fragen nach der Bedeutung jener vielfältigen Herausforderungen, denen sich die Menschheit gegenübersieht. In diesem Zusammenhang greift Dipesh Chakrabarty sein vor 25 Jahren begonnenes Projekt, Europa zu provinzialisieren, wieder auf. Das Streben nach Zukunftsentwürfen für eine befreite Menschheit war einst das zwar fehlerhafte und umstrittene, aber trotz allem universelle Erbe der europäischen Kolonisierung, die in der Unterwerfung fremder Länder und des Lebens ihrer Bevölkerungen bestand. Würde eine Erneuerung dieses Strebens es heute erfordern, die USA oder gar die Menschheit selbst zu provinzialisieren?
Dipesh Chakrabarty
Nur wenige zeitgenössische Denker haben unser Verständnis von Geschichte und der modernen Welt so grundlegend verändert wie Dipesh Chakrabarty. Er ist Lawrence A. Kimpton Distinguished Service Professor für Geschichte und Süd-Asiatische Sprachen und Zivilisationen an der University of Chicago, Gründungsmitglied des Subaltern Studies Collective und Mitherausgeber der Zeitschrift Postcolonial Studies seit ihren Anfängen. Seine Arbeit unser Verständnis der Gegenwart verändert, indem sie postkoloniale und planetare Perspektiven zusammenbringt. Chakrabartys Bücher erforschen die Entstehung der sogenannten globalen Moderne durch ihre Verstrickungen mit dem Empire, der Arbeit und ökologischen Prozessen. Auf der Grundlage philosophischer Erkenntnisse und Erfahrungen des Globalen Südens, zeigt Dipesh Chakrabarty, dass die eurozentrische Erzählung von Fortschritt und Emanzipation nie einen in sich geschlossenen Vorgang beschrieben hat. Er eröffnet eine planetare Perspektive, die auf die Auswirkungen von Kapital und kolonialer Macht aufmerksam macht. In jüngerer Zeit argumentiert Chakrabarty, dass die durch Kultur und weltweite Machtverhältnisse voneinander getrennte Menschheit die planetaren Gegebenheiten grundlegend beeinflusst hat, und das auf lange Zeit. In Anlehnung an die Weltsystemtheorie, stellt Chakrabarty die Zentralität menschlichen Handelns in der Geschichte in Frage und lädt uns ein, Politik, Verantwortung und Freiheit jenseits der Fokussierung auf den Menschen neu zu denken. Für Chakrabarty werden durch ein Bewusstsein für den Planeten die Grenzen des Nationalstaats und die ambivalente Rolle moderner Technologie aufgezeigt.
Für seine außergewöhnlichen Leistungen wurde Chakrabarty mit dem Toynbee Prize und Ehrendoktorwürden der Universitäten von London und Antwerpen, sowie der École Normale Supérieure in Paris ausgezeichnet. Er wurde in die American Academy of Arts and Sciences gewählt, ist Ehrenmitglied der Australian Academy of the Humanities und korrespondierendes Mitglied der British Academy. Einige seiner bekanntesten Werke sind Rethinking Working-Class History (Princeton, 1989), Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung (Campus, 2010), The Crises of Civilization: Exploring Global and Planetary Histories (Oxford, 2018), Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter (Suhrkamp, 2022) und Ein Planet, viele Welten. Die Klima-Parallaxe (Suhrkamp, 2025).
Pressestimmen
tl;dr Podcast Folge 21: Dipesh Chakrabarty – Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter – Alex Demirović im Gespräch mit dem Politikwissenschaftler Markus Wissen / 24.11.2022
FAQ
Werden die Benjamin Lectures aufgenommen oder live übertragen?
Die Lectures werden aufgenommen und anschließend auf unserem YouTube-Kanal und dieser Website veröffentlicht. Es gibt keine Liveübertragung.
Ist eine Anmeldung nötig, um die Lectures zu besuchen?
Der Eintritt ist frei und eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Die Anzahl der Plätze im Miriam-Makeba-Auditorium ist auf 950 begrenzt.
Auf welcher Sprache werden die Lectures gehalten? Wird eine Simultanübersetzung angeboten?
Die Lectures werden auf Englisch gehalten. Es wird eine Simultanübersetzung geben.
Ist der Veranstaltungsort barrierefrei?
Im Miriam-Makeba-Auditorium gibt es einige Plätze für Rollstuhlfahrer:innen, wir bitten diese daher sich unter philohsc(at)hu-berlin.de anzumelden.
Können auch einzelne Lectures besucht werden?
Die Lectures bauen aufeinander auf. Trotzdem kann jede Lecture auch ohne die jeweils anderen besucht werden.