Geht der Westen wieder unter?

23., 24. und 25. Juni 2026
Miriam-Makeba-Auditorium, Haus der Kulturen der Welt (HKW) John-Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin

Im Jahr 2026 hat der international anerkannten Historiker Dipesh Chakrabarty den Benjamin Chair am Centre for Social Critique inne. Ein Vierteljahrhundert nach der Veröffentlichung seines bahnbrechenden Essays „Provincializing Europe“ wird Chakrabarty die Frage aufwerfen, ob die vielfältigen ökologischen Katastrophen, die den Planeten heimsuchen, eine Provinzialisierung der Menschheit selbst erforderlich machen.

Die Lectures 2026 werden in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung organisiert.

Topic

Der Aufstieg autoritärer Tendenzen und fremdenfeindlicher Kulturen in den Demokratien der Welt, der Wandel Chinas in ein technologisches und ökonomisches Machtzentrum sowie die globalen Formen des Terrors gelten häufig als Folge von Kipppunkte in der Langzeiterzählung vom »Untergang des Abendlandes«. Diese Erzählung liegt spätestens seit ihrer stilbildenden Ausformulierung durch Oswald Spengler in vielfältigen Formen vor. Fügen wir den genannten Faktoren noch die Unsicherheiten hinzu, die mit den verschiedenen Umweltproblemen planetaren Ausmaßes, den beispiellosen technologischen Entwicklungen und den demographischen Prognosen für die gesamte Menschheit einhergehen, dann scheinen die beschleunigte Modernisierung und die Werte der Moderne nicht länger zueinander zu passen. Die Metapher vom Untergang einer Zivilisation, die einer anderen Platz macht, wirkt angesichts einer Krisenwahrnehmung, die nicht nur eine Zivilisation zu betreffen scheint, vollkommen unangemessen.

Die Benjamin Lectures fragen nach der Bedeutung jener vielfältigen Herausforderungen, denen sich die Menschheit gegenübersieht. In diesem Zusammenhang greift Dipesh Chakrabarty sein vor 25 Jahren begonnenes Projekt, Europa zu provinzialisieren, wieder auf. Das Streben nach Zukunftsentwürfen für eine befreite Menschheit war einst das zwar fehlerhafte und umstrittene, aber trotz allem universelle Erbe der europäischen Kolonisierung, die in der Unterwerfung fremder Länder und des Lebens ihrer Bevölkerungen bestand. Würde eine Erneuerung dieses Strebens es heute erfordern, die USA oder gar die Menschheit selbst zu provinzialisieren?

Dipesh Chakrabarty

Nur wenige zeitgenössische Denker haben unser Verständnis von Geschichte und der modernen Welt so grundlegend verändert wie Dipesh Chakrabarty. Er ist Lawrence A. Kimpton Distinguished Service Professor für Geschichte und Süd-Asiatische Sprachen und Zivilisationen an der University of Chicago, Gründungsmitglied des Subaltern Studies Collective und Mitherausgeber der Zeitschrift Postcolonial Studies seit ihren Anfängen. Seine Arbeit unser Verständnis der Gegenwart verändert, indem sie postkoloniale und planetare Perspektiven zusammenbringt. Chakrabartys Bücher erforschen die Entstehung der sogenannten globalen Moderne durch ihre Verstrickungen mit dem Empire, der Arbeit und ökologischen Prozessen. Auf der Grundlage philosophischer Erkenntnisse und Erfahrungen des Globalen Südens, zeigt Dipesh Chakrabarty, dass die eurozentrische Erzählung von Fortschritt und Emanzipation nie einen in sich geschlossenen Vorgang beschrieben hat. Er eröffnet eine planetare Perspektive, die auf die Auswirkungen von Kapital und kolonialer Macht aufmerksam macht. In jüngerer Zeit argumentiert Chakrabarty, dass die durch Kultur und weltweite Machtverhältnisse voneinander getrennte Menschheit die planetaren Gegebenheiten grundlegend beeinflusst hat, und das auf lange Zeit. In Anlehnung an die Weltsystemtheorie, stellt Chakrabarty die Zentralität menschlichen Handelns in der Geschichte in Frage und lädt uns ein, Politik, Verantwortung und Freiheit jenseits der Fokussierung auf den Menschen neu zu denken. Für Chakrabarty werden durch ein Bewusstsein für den Planeten die Grenzen des Nationalstaats und die ambivalente Rolle moderner Technologie aufgezeigt.

Für seine außergewöhnlichen Leistungen wurde Chakrabarty mit dem Toynbee Prize und Ehrendoktorwürden der Universitäten von London und Antwerpen, sowie der École Normale Supérieure in Paris ausgezeichnet. Er wurde in die American Academy of Arts and Sciences gewählt, ist Ehrenmitglied der Australian Academy of the Humanities und korrespondierendes Mitglied der British Academy. Einige seiner bekanntesten Werke sind Rethinking Working-Class History (Princeton, 1989), Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung (Campus, 2010), The Crises of Civilization: Exploring Global and Planetary Histories (Oxford, 2018), Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter (Suhrkamp, 2022) und Ein Planet, viele Welten. Die Klima-Parallaxe (Suhrkamp, 2025).

Program

23 Juni 2026, 1. Vortrag: Die Unentschiedenheit (in) unserer Zeit

Weltweit sind die Diskussionen demokratischer Gesellschaften von Annahmen durchzogen, die an Spengler erinnern. Die vielfältigen Unsicherheiten, mit denen wir konfrontiert sind – Klimakrise, Zukunft der Arbeit, demografischer Wandel, Verfall demokratischer Institutionen und geopolitische Kriege, die die Rolle der Vereinten Nationen schwinden lassen – führen vielerorts zu der Frage, ob wir das Ende jener internationalen Ordnung erleben, die nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurde. Was in den frühen 1990er Jahren als das neue „goldene Zeitalter“ der Globalisierung gefeiert wurde, ist heute von tiefgreifenden Zukunftsängsten geprägt. Auch wenn sich Spenglers Befürchtungen nicht einfach auf das Heute übertragen lassen, ist unsere Gegenwart doch von Vorahnungen und Niedergangssorgen bestimmt, die an seine Theorien denken lassen.

In der Geschichte der Moderne sind wir allerdings nicht die Ersten, die das Gefühl haben, in einer merkwürdigen Zeit des Übergangs zu leben. Schon viele deutsche und deutsch-jüdische Denker:innen des 20. Jahrhunderts interpretierten ihre Gegenwart als hin- und hergerissen zwischen den Polen des „Nicht-mehr“ und des „Noch-nicht“.

Im Zentrum meines ersten Vortrags steht der Charakter unserer Zeit als Zwischenstadium – in der Schwebe zwischen dem schwindenden Sinn für das Globale, der sich keineswegs erschöpft hat, aber augenscheinlich nicht mehr genügt, die Zukunft der Menschheit zu gestalten; und einem aufkeimenden planetaren Bewusstsein, welches zwar unumgänglich, aber als Kategorie menschlicher Politik noch nicht verfügbar oder wirksam ist.

24. Juni 2026, 2. Vortrag: Globalisierung und die Politik der „Provinzialisierung Europas“

Wann war der Anfang vom Ende des historischen Prozesses der „Europäisierung der Erde“? Laut Carl Schmitt begann es 1823 mit der Monroe-Doktrin der USA, während Frantz Fanon es auf die 1960er Jahre datierte. War die Globalisierung also nur ein weiteres Datum im langen Kalender, der das immer wieder neue Ende dieser Europäisierung der Welt verzeichnet? Fukuyama irrte sich jedenfalls, als er glaubte, mit der Globalisierung käme der „letzte Mensch“.

Das Projekt, Europa als Provinz zu verstehen, stellte eine kritische Antwort auf die Globalisierung dar. Es ging aus den Trümmern jahrzehntelanger Debatten hervor, die in der „Dritten Welt“ über die Zukunft der Menschheit geführt wurden. Für diese Debatten waren zwei gegensätzliche Ideen maßgeblich, die aus Europa stammten und dann hegemonial wurden: Kapitalismus und Sozialismus. Die vom imperialistischen Europa verbreitete Idee, dass die Menschheit eine gemeinsame und emanzipatorische Zukunft teilt, gehörte zu den wirkmächtigsten seines globalen Erbes – ein zwar noch lebendiges, aber bedrohtes Vermächtnis. Gleichzeitig wurde die globalisierte Welt auf dem Rücken indigener und versklavter Völker errichtet, die sich durch die Expansion Europas ihrer Heimat beraubt sahen. In vielen antikolonialen Kämpfen wurde daraufhin eine Seiensweise angestrebt, die die Prinzipien des Internationalismus mit einer ambivalenten Bindung an die Nation vereinte.

Erlaubt es ein Zustand der Heimatlosigkeit, sich emanzipiert zu fühlen? Wie verhalten sich Verlust und Freiheit zueinander? Europa im Zeitalter der Globalisierung zu „provinzialisieren“, bedeutete, genau diese Fragen zu stellen, die auch die Klammer des zweiten Vortrags bilden.

25. Juni 2026, 3. Vortrag: Indigen sein als planetar sein: Amerika provinzialisieren?

Die indigenen Völker bildeten in den Gesellschaften des Siedlerkolonialismus eine Gruppe, der die Vorstellung von einer selbstbestimmten Zukunft dauerhaft versperrt wurde. Diese „Gabe“ rissen antikoloniale Anführer:innen und andere Denker:innen dem einst imperialistischen Europa aus den Händen. Heute machen die planetare Klimakrise und ihre Begleiterscheinungen jedoch den indigenen Zustand in zweierlei Hinsicht universell: Die Zukunft könnte für Menschen kürzer und zersplitterter sein, als wir sie uns bisher vorgestellt haben; und die globale Suche nach einer nachhaltigen Zukunft wird viel von indigenen Formen der Fürsorge für Land und Biodiversität lernen müssen.

Die mächtigste Nation ist aus den Klimaabkommen ausgestiegen und hat damit die Verantwortung in planetaren Fragen dem Markt und technologischen Lösungen, wie der Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid (CCS) oder dem Geoengineering, überlassen.

Mein dritter Vortrag entwickelt eine Kritik am meiner Meinung nach rein „technischen“ Ansatz zur Bewältigung der Erderwärmung. Ich stelle dar, warum und inwiefern dieser Ansatz derer, die im Weltmaßstab privilegiert sind, als „provinzielle“ Reaktion auf die universelle Herausforderung der Klimaerwärmung bezeichnet werden kann. Wird sich die daraus folgende „Provinzialisierung Amerikas“ grundlegend davon unterscheiden, was es hieß, Europa zu provinzialisieren, als wir uns lediglich darum kümmern mussten, global zu werden?

FAQ

Werden die Benjamin Lectures aufgenommen oder live übertragen?
Die Lectures werden aufgenommen und anschließend auf unserem YouTube-Kanal und dieser Website veröffentlicht. Es gibt keine Liveübertragung.

Ist eine Anmeldung nötig, um die Lectures zu besuchen?
Der Eintritt ist frei und eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Die Anzahl der Plätze im Miriam-Makeba-Auditorium ist auf 950 begrenzt.

Auf welcher Sprache werden die Lectures gehalten? Wird eine Simultanübersetzung angeboten?
Die Lectures werden auf Englisch gehalten. Es wird eine Simultanübersetzung geben.

Ist der Veranstaltungsort barrierefrei?
Im Miriam-Makeba-Auditorium gibt es einige Plätze für Rollstuhlfahrer:innen, wir bitten diese daher sich unter philohsc(at)hu-berlin.de anzumelden.

Können auch einzelne Lectures besucht werden?
Die Lectures bauen aufeinander auf. Trotzdem kann jede Lecture auch ohne die jeweils anderen besucht werden.

Weitere Veranstaltungen mit Dipesh Chakrabarty

4. Juni 2026, 16:30 – 18:30 Uhr
Panel Crisis and (Concept of) History (auf Englisch)
Teil der internationalen Konferenz „Crisis and Transformation“, organisiert vom Centre for Social Critique HU Berlin
Dipesh Chakrabarty, Rahel Jaeggi und Philipp Staab, moderiert von Robin Celikates
Ort: Auditorium, Grimm-Zentrum, Geschwister-Scholl-Str.1-3, 10117 Berlin
https://criticaltheoryinberlin.de/event/crisis-and-transformation/

1. Juli 2026, 18:30 – 20:30 Uhr
Planetare Politik im Zeitalter des Klimawandels (auf Englisch mit deutscher Simultanübersetzung)
Dipesh Chakrabarty, Eva von Redecker und Violetta Bock diskutieren über die Konsequenzen der ökologischen Krise, moderiert von Britta Petersen
Ort: Rosa-Luxemburg-Stiftung, Mathilde-Jacob-Saal, Straße der Pariser Kommune 8A, 10243 Berlin (mit Anmeldung)/ auch als Livestream (ohne Anmeldung)
https://www.rosalux.de/veranstaltung/es_detail/4TPOS

Übergeordnetes Thema Krisen des Rationalen