#DemocratizingWork

November 4th
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„Arbeitende Menschen sind sehr viel mehr als bloße ‚Ressourcen‘. Dies ist eine der zentralen Lehren aus der gegenwärtigen Krise.“ Mit diesen Worten beginnt der weltweite politische Aufruf mehrerer tausend Wissenschaftler*innen, die die Corona-Pandemie als Anlass nehmen, um eine gerechtere Gestaltung der gegenwärtigen Arbeitswelt zu fordern. Unter den Schlagwörtern der „Demokratisierung“, „Dekommodifizierung“ und „nachhaltigeren Gestaltung“ der Arbeit, argumentieren die Initiator*innen dafür: 1. den Betriebsräten in Unternehmen die gleichen Stimmrechte wie den Aufsichtsräten einzuräumen, 2. Arbeit nicht ausschließlich als Ware und über Marktmechanismen, sondern durch die Schaffung einer Arbeitsplatzgarantie zu organisieren und 3. diese Ziele im Einklang mit einem „Green Deal“ umzusetzen, der den gegenwärtigen ökologischen Herausforderungen Rechnung trägt. Wie weit die Transformation der gegenwärtigen Arbeitswelt reicht, die hieraus folgen würde, hängt maßgeblich davon ab, welches Verständnis von Demokratie diese Forderungen begründet und was genau unter der Dekommodifizierung der Arbeit verstanden wird. Im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe „In Context“ diskutieren wir diese Fragen mit drei der Hauptinitiator*innen dieses Aufrufs – Neera Chandhoke, Isabelle Ferreras und Lisa Herzog.

Die Liste der Probleme und Widersprüche ist lang, die die Corona-Pandemie in der gegenwärtigen Arbeitswelt sichtbar gemacht hat. Zunächst einmal zeigt sich in der Pandemie, dass es schwierig ist überhaupt von einer Arbeitswelt zu sprechen. Auf der einen Seite findet sich die relativ geschützte Welt der hochqualifizierten Anstellungsverhältnisse, die den normativen Standards moderner Arbeitsgesellschaften weitestgehend entspricht. Auf der anderen Seite die Welt der unterbezahlten, prekären Arbeit, die diesen Standards zuwiderläuft. Die Grenzen dieser unterschiedlichen Welten sind maßgeblich von den politischen und sozialen Ungleichheiten bestimmt, die entlang der Linien von class, race und gender verlaufen.  In der Pandemie haben sich nun gerade die unterbezahlten und prekären Tätigkeitsfelder als „systemrelevant“ erwiesen. Darüber hinaus hat die Pandemie sichtbar gemacht, wie stark westliche Industrienationen abhängig von Arbeiter*innen und Produkten aus Ländern sind, deren Bürger*innen gleichzeitig die legale Migration und der Zugang zu nationalen Arbeitsrechten verwehrt wird. Wie weitreichend muss die Transformation der Arbeitsverhältnisse und ihrer Institutionen sein, um eine gerechtere Gestaltung der gegenwärtigen Arbeitswelt zu ermöglichen? Bedarf es bloß wirksamerer politischer Mittel, um die bereits anerkannten normativen Standards durchzusetzen? Oder sollten wir das Verständnis von Arbeit in Frage stellen, welches unsere normativen Standards und Arbeitsinstitutionen prägt?

 

Neera Chandhoke ist Fellow des „Indian Council of Social Science Research“ und war Professorin für Politikwissenschaft an der Universität von Delhi. In ihrem letzten Buch „Rethinking Pluralism, Secularism and Tolerance. Anxieties of Coexistence“ (2019) untersucht Chandhoke, wie Menschen verschiedener Sprachen, Religionen und Ethiken in gegenseitiger Würde und Respekt zusammenleben.

Isabelle Ferreras ist Soziologin, Politikwissenschaftlerin und Professorin an der Universität von Louvain (Louvain-la-Neuve, Belgien). In ihrem Buch „Firms as Political Entities. Saving Democracy through Economic Bicameralism“ (2017) schlägt Ferreras vor, Unternehmen in einer „Zwei-Kammer-Struktur“ zu organisieren, die den Betriebsräten die gleichen Stimmrechte einräumt wie den Aufsichtsräten.

Lisa Herzog ist Professorin an der Philosophischen Fakultät und am Zentrum für Philosophie, Politik und Wirtschaft der Universität Groningen. In ihrem Buch „Die Rettung der Arbeit. Ein politischer Aufruf“ (2019) plädiert Herzog für eine politische Gestaltung der gegenwärtigen und zukünftigen Arbeitswelt, die Arbeit als eine wesentliche Quelle der sozialen Integration begreift.

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