Vier Thesen zum Zusammenhang von Rechtspopulismus und Anti-Genderismus (und eine halbe zu deren Überwindung)

Diese Punkte sind eine Mischung aus Zusammenfassung und follow-up des englischsprachigen Artikels über Anti-Genderismus und rechte Hegemoniebildung von Eva von Redecker, der hier abrufbar ist.

 

  • Anti-Genderismus (also die Annahme einer bedrohlichen Verschwörung von Gleichstellungspolitik und Gender-Studies) ist ein entscheidener Angelpunkt rechter Hegemoniebildung. Er schafft einen gemeinsamen Nenner zwischen ansonsten inkompatiblen Gruppen (etwa: dem konservativen Spektrum, Online-Maskulinisten, fundamentalistischen Christen, Neo-Nazis) und bietet einen Identifikationspunkt für verbal gleich-scharfes Vokabular zwischen Akteuren, die in anderer Hinsicht darum ringen, als unterschiedlich (rechts)radikal wahrgenommen zu werden.
  • In der Struktur seiner einzelnen Gehalte ähnelt der Anti-Genderismus stark einer bestimmten Variante des deutschen Antisemitismus der 1930er Jahre. Unterstellt wird, dass eine gesichtslose, unnatürliche, Familie und Vaterland zersetzende Kraft am Werke ist, die mit “entarteter” Kultur, Frivolität, Metropolismus und Internationalismus identifiziert wird. In seiner Rethorik ist der Anti-Genderismus eliminativ.
  • Anti-Genderismus ist ein Abwehrmechanismus zum Erhalt eigentlich überlebter Ideologien. Er ist nicht die neue Form des patriarchalen Sexismus, sondern der Versuch, den alten patriarchalen Sexismus gegen Angriffe und Erosion zu bewahren – “Ideologie zweiter Ordnung” gewissermaßen. Als Abwehrmechanismus sollte er primär aus der Sozialpsychologie seiner Träger, nicht über die Rolle seiner Zielgruppe verstanden werden.
  • Rassistische und sexistische Ideologien dienen seit Beginn der kapitalistischen Wirtschaftsweise nicht nur dazu, die Ausbeutung der betroffenen Gruppen zu ermöglichen. Sie haben auch die Funktion, der männlichen, weißen Arbeiterschaft ihre Lage zu “versüßen”, weil diese sich trotz ökonomischer Prekarität symbolisch überlegen fühlen kann. Graduelle und punktuelle Erosion der ideologischen Hierarchien lässt deshalb die – zumal neoliberal intensivierte – ökonomische Prekarität virulent werden. Rechtem Populismus gelingt es, Prekaritätserfahrungen mit der Irritation durch symbolischen Statusverlust kurzzuschließen und über Feindbilder abzuleiten.

 

  • Weder defensive Anti-Diskriminierungspolitik noch einseitige Forderungen nach einer “Konzentration auf die soziale Frage” vermögen aus dieser Dynamik auszubrechen. Solidarität hingegen wendet sich gegen hierarchische Differenzen und kapitalistische Ausbeutung gleichermaßen und birgt im Modus der bedürfnisorientierten Kooperation auch das Versprechen, Prekaritätserfahrungen aufzufangen.
Humboldt-Universität zu Berlin